Papa sagte nichts. Er wartete nur.
Das war das Seltsame. Er erklärte nicht, er kommentierte nicht, er machte mich nicht klein. Er ließ mich stolpern und wusste, dass ich selbst merken muss, wie sich Geduld anfühlt.
Beim zweiten Versuch saß der Schraubenzieher richtig. Ich drehte langsam, spürte den Widerstand, hörte dieses kleine, beruhigende Knacken, wenn Metall ins Holz greift. Die Schraube zog sich fest, und für einen kurzen Moment fühlte es sich an, als hätte ich nicht nur Holz zusammengezogen, sondern etwas in mir selbst.
„Gut“, sagte Papa, schlicht.
Und dieses „Gut“ klang wie früher. Wie ein Schulterklopfen nach einem Zeugnis. Wie ein „Du kannst das“, ohne große Worte.
Wir gingen zurück in den Garten, setzten uns wieder, und diesmal sah ich ihn wirklich. Nicht nur sein Gesicht, sondern die kleinen Details: die Flecken auf seinen Händen, die Narben, die ich als Kind für Landkarten hielt, die Art, wie sein Blick manchmal kurz ins Leere rutschte und dann wieder zurückkam.
„Hast du Angst?“, fragte ich plötzlich, ohne zu wissen, woher die Frage kam.
Er atmete aus, als hätte er auf genau diese Frage gewartet, aber sie nicht verlangt. „Manchmal“, sagte er. „Nicht vor dem Sterben. Vor dem… Wegsein.“
Ich schluckte. „Du bist nicht weg.“
„Noch nicht“, sagte er, und seine Stimme war ruhig, fast sachlich. „Aber ich merke, dass manches… länger braucht. Namen. Termine. Manchmal weiß ich, dass ich etwas sagen wollte, und dann ist es wie ein Stück Holz, das man in der Hand hatte und plötzlich ist es weg.“
Ich wollte sofort widersprechen. Wollte ihm beweisen, dass alles gut wird. Wollte ihm ein Versprechen geben, das ich nicht kontrollieren kann.
Stattdessen sagte ich nur: „Danke, dass du mir das sagst.“
Er nickte, und in diesem Nicken lag Erleichterung. Als hätte er nur gewollt, dass jemand es hört, ohne panisch zu werden.
„Und weißt du, was das Schlimmste ist?“, fragte er.
„Was?“
Er sah mich an, und seine Augen glänzten. „Dass ich manchmal das Gefühl habe, ich bin dir im Weg. Dir und deinem Leben.“
Da riss etwas in mir, aber diesmal nicht aus Wut. Aus Liebe.
„Nein“, sagte ich. „Du bist mein Leben. Du warst immer mein Leben.“
Er blinzelte, als wäre das Licht plötzlich zu hell. „Ach, Andreas.“
Ich beugte mich vor, legte meine Hand auf seine. „Wenn du dich wiederholst, dann wiederholst du dich eben. Dann sagst du’s zehnmal. Hundertmal. Und ich… ich werde da sein.“
Er schaute auf unsere Hände. „Das sagst du jetzt.“
„Ich will es auch morgen sagen“, flüsterte ich. „Und nächste Woche. Und wenn ich’s vergesse, dann erinnerst du mich. Nicht mit einem Notizbuch. Sondern einfach… indem du fragst.“
Ein leises Lächeln, klein und müde, zog über sein Gesicht. „So wie mit dem Rotkehlchen.“
„So wie mit dem Rotkehlchen“, wiederholte ich.
In diesem Moment hörten wir wieder Vogelstimmen, irgendwo hinter dem Zaun. Nicht dasselbe Rotkehlchen, vielleicht. Aber es klang, als würde der Garten selbst uns eine zweite Chance geben.
„Willst du morgen nochmal Kaffee hier trinken?“, fragte Papa vorsichtig, als wäre das eine große Bitte.
Ich nickte sofort. „Ja. Und übermorgen auch, wenn du willst.“
Er schnaubte. „Übermorgen muss ich mich ausruhen.“
„Dann ruhe ich mich mit dir aus“, sagte ich.
Wir lachten beide, und dieses Lachen war keine Show, kein Witz, kein flüchtiges Ablenken. Es war ein kleines Stück Normalität, das wir zurückerobert hatten.
Als es dämmerte, wurde es kühler. Papa zog die Schultern hoch, und ich stand auf, holte eine alte Decke aus dem Haus und legte sie ihm um, so wie er es früher bei mir gemacht hatte, wenn ich als Kind abends auf der Terrasse eingeschlafen war.
Er ließ es zu. Ohne Stolz. Ohne Widerstand. Vielleicht war das das Schwerste für ihn: Hilfe anzunehmen.
Wir saßen noch eine Weile, und dann, als wäre es ein Test der Welt, kam die Frage wieder.
Papa deutete auf den Zaun, wo sich erneut ein kleiner Vogel niederließ, die Brust im letzten Licht warm gefärbt.
„Was ist das für einer?“, fragte er.
Mein Herz machte einen Sprung, weil es gleichzeitig weh tat und schön war. Ich wusste nicht, ob er es wirklich vergessen hatte oder ob er nur hören wollte, ob ich es verstanden habe.
Ich beugte mich leicht zu ihm, damit er meine Stimme nicht nur hört, sondern fühlt. Dann sagte ich ruhig, weich, als wäre jedes Wort ein Streicheln.
„Das ist ein Rotkehlchen, Papa.“
Er atmete aus, als hätte er etwas Wichtiges bekommen. Seine Finger schlossen sich um meine Hand, überraschend fest.
„Noch mal“, flüsterte er.
Und ich lächelte, obwohl mir die Tränen wieder kamen.
„Ein Rotkehlchen“, sagte ich noch einmal. „Ein wunderschönes Rotkehlchen.“
Er lehnte den Kopf zurück, sah in den Himmel, der langsam dunkler wurde, und in seinem Gesicht lag Frieden. Und ich saß neben ihm, ohne Bildschirm, ohne Eile, ohne Ausrede – nur ein Sohn, der endlich verstanden hatte, dass Liebe nicht in großen Gesten wohnt, sondern in der Bereitschaft, dieselbe Antwort immer wieder mit demselben Herzen zu geben.