Zwölf Sekunden, die meinen Vater brachen und mich für immer änderten

Ich dachte, die Geschichte wäre vorbei, als Papa meine Hand drückte und sagte, er vermisse meine Stimme. Aber das war nur das Ende meiner Ausrede – nicht das Ende unserer Stunde.

Wir saßen noch immer im Garten, genau an derselben Stelle, als hätte sich die Welt geweigert, weiterzugehen, bis ich verstanden hatte, was ich da gerade fast kaputt gemacht hätte. Das Handy lag mit dem Display nach unten auf dem Tisch, wie ein umgedrehter Käfer, der plötzlich keine Macht mehr hatte.

Der Nachmittag war inzwischen weicher geworden, das Licht stand tiefer und machte die Kanten der Dinge sanfter. Der Apfelbaum warf längere Schatten, und irgendwo in der Hecke raschelte etwas, als würde die Natur selbst kurz den Atem anhalten, um zu hören, ob ich jetzt endlich zuhöre.

Papa starrte nicht mehr stumm in die Ferne. Er sah mich an, so wie man einen Menschen ansieht, den man nicht verurteilen will, weil man ihn zu lange geliebt hat, um jetzt damit anzufangen.

„Du musst dich nicht kaputtmachen, Andreas“, sagte er leise.

Ich schluckte. Mein Hals fühlte sich eng an, als wäre da etwas stecken geblieben, das ich seit Jahren nicht runterbekommen hatte: Dankbarkeit, Scham, Angst.

„Ich hab’s schon getan“, flüsterte ich. „Heute.“

Er schüttelte den Kopf, langsam, vorsichtig, als wäre selbst das Kopfschütteln eine Bewegung, die man nicht verschwenden darf. „Nein. Kaputt ist, wenn keiner mehr zurückkommt.“

Das traf mich mehr als jedes Schreien. Weil er recht hatte, und weil ich spürte, dass es irgendwann einen Tag geben würde, an dem niemand mehr zurückkommt, egal wie sehr ich es will.

Ich hielt seine Hand weiter fest, als könnte ich durch Druck die Zeit anhalten. Seine Haut war dünn, aber darunter war noch diese alte Kraft, die früher Balken getragen hatte und mich als Kind auf die Schultern setzte, als wäre ich nichts als ein Rucksack voller Luft.

„Papa“, sagte ich, und meine Stimme klang jetzt nicht wie ein genervter Mann, sondern wie der Junge, der ich einmal war. „Es tut mir so leid.“

Er antwortete nicht sofort. Er drückte nur einmal zurück, kurz und deutlich, wie ein stilles: Ich hab’s gehört.

Dann hob er den Kopf zum Apfelbaum, und seine Augen wurden glasiger, aber nicht traurig. Eher… voll.

„Weißt du“, sagte er, „als du klein warst, hab ich manchmal gedacht, ich platze vor Glück, nur weil du so viel gefragt hast.“

Ich lachte, ein kleines, kaputtes Geräusch, das mitten zwischen Schluchzen und Lächeln hing. „Ich muss furchtbar gewesen sein.“

„Du warst lebendig“, sagte er. „Das ist was anderes.“

Das Rotkehlchen war verschwunden, aber es war, als hätte es etwas dagelassen. Nicht den Vogel selbst, sondern den Moment, in dem ich endlich gemerkt habe, wie weit weg ich gewesen war, obwohl ich direkt vor ihm saß.

Ein Summen vibrierte kurz über den Tisch. Mein Handy. Ein Reflex zuckte durch meinen Körper, dieser automatische Griff nach Glas und Zahlen, nach dem Gefühl, irgendwo gebraucht zu werden.

Ich spürte, wie meine Hand sich minimal löste. Und ich hasste mich dafür.

Papa bemerkte es nicht einmal oder er tat so, als bemerke er es nicht. Er sah nur weiter in den Garten, als würde er mir den Raum geben, mich selbst zu entscheiden.

Ich zog das Handy langsam zu mir heran. Nicht wie ein Süchtiger, sondern wie jemand, der eine Klinge vorsichtig weglegen will, ohne sich zu schneiden.

Dann stand ich auf, ging zur Terrassentür, trat ins Haus und legte es in die Küchenschublade. Ganz unten, unter alte Gummibänder und ein Flaschenöffner, den niemand mehr benutzt.

Als ich zurückkam, saß Papa genauso da, als hätte er sich nicht bewegt. Aber sein Blick war weicher geworden, und in seinem Mundwinkel zuckte etwas, das fast ein Lächeln war.

„So“, sagte ich, und meine Stimme klang fremd frei. „Jetzt bin ich da.“

Er nickte nur. Und dieses Nicken war kein Urteil, sondern ein Geschenk.

Wir saßen eine Weile schweigend. Nicht diese peinliche Stille, die entsteht, wenn man nichts zu sagen hat, sondern die warme, alte Stille, die man früher kannte, bevor alles ständig erklärt, kommentiert oder gepostet werden musste.

Dann hob Papa die Hand und zeigte auf die Terrasse. „Die Schraube da hinten ist locker“, sagte er, als wäre das das Normalste der Welt.

Ich drehte mich um. An der Stelle, wo das Holz an der Kante leicht arbeitete, stand tatsächlich eine Schraube ein Stück raus, fast unauffällig.

„Seit wann siehst du sowas?“, fragte ich.

Er schnaubte leise. „Seit ich Schreiner war.“

Und da war er kurz wieder: der Mann, der alles sah. Der Mann, der nicht an Dingen vorbeiging, ohne sie zu verstehen.

„Wollen wir…?“, begann ich.

Er hob die Augenbrauen. „Was? Reparieren?“

„Ja“, sagte ich, und plötzlich war es mir wichtig, nicht nur Worte zu sagen, sondern etwas zu tun, das in seiner Sprache gesprochen ist. „Wenn du magst.“

Papa zögerte einen Moment. Vielleicht aus Müdigkeit, vielleicht aus Stolz, vielleicht aus beidem. Dann schob er die Hände auf die Armlehnen, stemmte sich hoch, und ich sprang sofort auf, um ihn zu stützen.

Er wedelte ab. „Noch kann ich alleine.“

Aber er ließ zu, dass ich neben ihm ging, als wir in Richtung Werkstatt gingen. Sein Gang war langsam, und ich merkte, wie mein Körper sich erst dagegen wehrte, als hätte ich einen Termin mit der Zeit.

Dann zwang ich mich, mich anzupassen. Schritt für Schritt. Nicht er musste schneller werden, ich musste langsamer werden.

Die Werkstatt roch nach altem Holz, nach Öl, nach Staub, der sich über Jahre in den Ecken gesammelt hatte wie Erinnerungen. Das Licht fiel schräg durch das kleine Fenster und machte jedes Staubkorn sichtbar, als wäre sogar die Luft voller Geschichte.

Papa griff nach einem Schraubenzieher, der genau da lag, wo er immer lag. Seine Finger zitterten leicht, aber die Bewegung war vertraut, sicher.

„Ich mach das“, sagte ich schnell.

Er sah mich an, und in seinem Blick lag ein kaum sichtbares Lächeln. „Na los.“ Ich kniete mich hin, nahm die Schraube, setzte an und merkte sofort, wie ungeübt ich war. Der Schraubenzieher rutschte einmal ab, ich fluchte leise, und der alte Ärger kroch hoch: Warum geht das nicht sofort?

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