„Sie oder ich“: Als ich die beste Freundin wählte und Liebe neu lernte

Wir hatten kaum geschlafen.

Marie hatte ihren Kopf irgendwann auf meine Schulter gelegt, wie früher im Zug nach der Schule, wenn wir zu müde waren, um cool zu sein.

Ihre Mutter war stabil.

Dieses Wort blieb.

Wie ein kleiner Stein in der Tasche, den du immer wieder anfasst, um zu prüfen, ob er noch da ist.

Gegen Mittag saßen Marie und ich in der Cafeteria.

Kaffee aus einem Automaten, der schmeckt, als hätte jemand den Begriff „Kaffee“ nur beschrieben.

Marie nippte trotzdem.

„Du siehst furchtbar aus“, sagte sie.

„Du auch“, antwortete ich.

Und wir mussten beide kurz lachen.

Nicht, weil es lustig war.

Sondern weil Lachen manchmal das Einzige ist, was dich daran erinnert, dass du noch ein Mensch bist.

„Was machst du jetzt wegen Hannah?“ fragte Marie dann.

Ich starrte auf den Becher.

„Ich weiß es nicht“, sagte ich ehrlich.

„Ich liebe sie“, fügte ich hinzu.

„Aber ich kann nicht…“ Ich suchte nach dem Wort.

„…mich teilen lassen wie Besitz“, sagte Marie leise.

Ich sah sie an.

Sie hatte das verstanden.

Nicht aus Theorie.

Sondern aus Erfahrung.

Am Abend kam Hannah.

Ich hatte ihr nicht gesagt, sie soll kommen.

Ich hatte nur geschrieben, wo wir sind, wenn sie reden will.

Und als ich sie sah, stand sie da mit geröteten Augen und einem Gesicht, das nicht mehr kämpfen wollte.

Sie ging langsam auf mich zu.

Nicht wie jemand, der siegt.

Eher wie jemand, der endlich merkt, was er fast kaputt gemacht hätte.

„Ich habe zu Hause gesessen“, sagte Hannah.

„Und ich habe mir vorgestellt, wie ich da im Restaurant war… und wie klein ich mich gefühlt habe.“

Sie schluckte.

„Und dann habe ich mich dafür gehasst, dass ich dich zwingen wollte, jemanden aufzugeben, nur damit ich mich größer fühle.“

Ich sagte nichts.

Nicht, weil ich nichts zu sagen hatte.

Sondern weil ich prüfen musste, ob ihre Worte echt sind.

Hannah atmete tief ein.

„Ich habe Angst“, sagte sie.

„Nicht vor Marie. Sondern davor, dass ich nie so wichtig sein werde wie diese Geschichte, die ihr habt.“

Sie sah mich an, direkt.

„Und ich weiß, dass das unfair ist. Aber es ist da.“

Da war sie plötzlich: die Wahrheit.

Nicht als Waffe.

Als Bekenntnis.

Ich nickte langsam.

„Ich kann dir nicht versprechen, dass du meine Vergangenheit ersetzt“, sagte ich.

„Aber ich kann dir versprechen, dass du meine Gegenwart wirst – wenn du aufhörst, Krieg gegen Menschen zu führen, die mich getragen haben.“

Hannah wischte sich über die Wange.

„Ich will keinen Krieg“, flüsterte sie.

Dann sah sie zur Tür Richtung Station.

„Darf ich… Marie sehen?“

Ich blinzelte.

„Warum?“

Hannah hob leicht die Schultern.

„Weil ich—“ Sie brach ab, dann sagte sie es doch.

„Weil ich mich schäme. Und weil ich, wenn ich wirklich bei dir sein will, auch den Teil von dir anschauen muss, den ich bisher nur gehasst habe.“

Wir gingen zusammen den Flur entlang.

Hannahs Schritte waren leise.

Sie wirkte nicht stark.

Aber sie wirkte aufrichtig.

Marie saß wieder am Bett ihrer Mutter.

Als sie uns sah, wurde ihr Blick sofort wach.

Nicht feindlich.

Eher vorsichtig, als würde sie gleich ein Glas fallen sehen.

Ich blieb in der Tür stehen.

Hannah trat einen Schritt vor.

„Hallo“, sagte sie.

Marie antwortete nicht sofort.

Dann nickte sie.

Ein kleines, neutrales Nicken, das mehr Mut brauchte, als man denkt.

Hannah atmete ein.

„Ich…“, begann sie.

Und man hörte, wie schwer ihr dieses „ich“ fiel.

„Ich habe dich behandelt, als wärst du eine Gefahr“, sagte Hannah.

„Dabei warst du gestern einfach nur eine Tochter, die Angst um ihre Mutter hatte.“

Marie schluckte.

Sie sah auf die Hände ihrer Mutter.

Dann wieder zu Hannah.

„Danke“, sagte sie leise.

Nur dieses eine Wort.

Nicht warm.

Nicht kalt.

Einfach: ehrlich.

Maries Mutter öffnete in dem Moment die Augen.

Sie sah die fremde Frau am Fußende.

„Wer ist das?“ fragte sie heiser.

Marie räusperte sich.

„Das ist Hannah“, sagte sie.

„Sie ist…“ Marie zögerte, dann lächelte sie ganz kurz.

„…sie ist die, die ihn liebt.“

Maries Mutter sah Hannah an.

Und dann sagte sie etwas, so trocken, dass ich fast lachen musste.

„Dann… behandeln Sie ihn gut“, murmelte sie.

Hannah lachte durch Tränen.

„Ich versuche es“, sagte sie.

Maries Mutter schloss die Augen wieder.

„Und Sie“, sagte sie, ohne hinzusehen, „lassen Sie ihn nicht allein.“

Marie antwortete: „Mach ich nicht.“

Und ich stand da, zwischen diesen zwei Frauen, die sich nicht ausgesucht hatten, sich zu begegnen – und die es trotzdem taten.

Nicht perfekt.

Nicht wie im Film.

Aber menschlich.

Später saßen wir zu dritt im Wartebereich.

Kein großes Gespräch.

Keine Freundschaft auf Knopfdruck.

Nur dieses stille Nebeneinander, das manchmal mehr sagt als jedes „Wir müssen mal reden“.

Hannah sah mich an.

„Ich will lernen, damit klarzukommen“, sagte sie.

„Nicht, weil ich muss. Sondern weil ich dich nicht kleiner machen will, um mich sicher zu fühlen.“

Ich nickte.

„Und ich will lernen, dich nicht alleine in deiner Angst zu lassen“, sagte ich.

„Nicht, indem ich Marie wegschiebe. Sondern indem ich dir zeige, dass du nicht ersetzt wirst.“

Marie stieß die Luft aus.

„Bitte“, sagte sie trocken. „Könnt ihr das nicht irgendwie romantisch machen, ohne dass ich daneben sitze?“

Hannah grinste.

Ich grinste auch.

Und in diesem Grinsen lag etwas, das ich lange nicht gespürt hatte:

Erleichterung.

Spät in der Nacht, als Hannah nach Hause ging und Marie wieder zu ihrer Mutter, blieb ich kurz allein im Flur stehen.

Ich dachte an das Restaurant.

An das Klirren der Gabel.

An Hannahs Ultimatum.

Und daran, wie schnell Menschen „Liebe“ mit „Besitz“ verwechseln, wenn sie Angst haben.

Ich werde nicht behaupten, dass jetzt alles leicht ist.

Dass es keine Ecken mehr gibt.

Aber an diesem Abend hatte ich etwas gesehen, das ich früher für unmöglich hielt:

Dass Menschen sich ändern können, wenn sie aufhören, gegeneinander zu kämpfen, und anfangen, sich wirklich zu sehen.

Und vielleicht ist das das einzige Happy End, das es gibt.

Nicht: dass alles perfekt wird.

Sondern dass niemand mehr verlangt, dass du Teile von dir abschneidest, um geliebt zu werden.

Manchmal besteht Liebe einfach darin, im grellen Neonlicht eines Krankenhausflurs zu bleiben, obwohl du müde bist.

Und zu merken:

Du musst niemanden verlieren, um jemandem nahe zu sein.

Du musst nur aufhören, Angst mit Wahrheit zu verwechseln.

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