Die Nacht nach dem Ultimatum und was danach übrig blieb
Als ich die „andere Frau“ gewählt hatte, dachte ich für einen Moment, ich hätte gewonnen.
So fühlt sich das manchmal an, wenn man stehen bleibt, statt zu springen.
Und dann stehst du plötzlich vor einer automatischen Glastür, die nach Desinfektionsmittel riecht.
Und merkst: Gewonnen hat hier niemand.
Nur das Leben.
Kurz nach Mitternacht war das Krankenhaus hell wie ein Supermarkt.
Neonlicht, das jeden Schatten scharfkantig macht.
Marie saß im Wartebereich auf einem Stuhl, der dafür gebaut ist, Menschen geduldig zu machen, und scheitert.
Ihre Hände waren ineinander verhakt, als müsste sie sich festknoten, um nicht auseinanderzufallen.
„Sie sind noch bei ihr“, sagte sie, ohne mich anzusehen.
Die Worte klangen sachlich, aber ihre Stimme verriet alles.
Ich setzte mich neben sie.
Nicht zu nah, nicht zu weit weg.
So, wie man sich neben jemanden setzt, der gerade nicht reden kann, aber nicht allein sein darf.
„Ich bin da“, sagte ich nur.
Marie nickte, als wäre dieses „da“ ein Ort, an dem man atmen kann.
Wir warteten.
Und in diesem Warten kam alles hoch, was im Restaurant zwischen Hannah und mir nicht mehr in Sätze gepasst hatte.
Nicht die Frage, ob Männer und Frauen Freunde sein können.
Sondern die Frage, ob Menschen aushalten, dass Liebe nicht immer exklusiv ist.
Die Uhr an der Wand tickte zu laut.
Eine Schwester lief vorbei, schnell, konzentriert.
Jemand lachte irgendwo, und es klang völlig falsch.
Marie starrte auf den Boden, als könnte sie dort eine Lösung finden.
„Ich hätte nicht anrufen sollen“, flüsterte sie plötzlich.
„Doch“, sagte ich.
„Du hast nicht angerufen, um mich zu testen. Du hast angerufen, weil du Angst hattest.“
Sie schluckte.
Und ich hasste es, dass sie sich für Angst schämte.
Als wäre Angst ein Charakterfehler.
„Hannah…“, begann Marie, brach ab und schüttelte den Kopf.
Sie sagte ihren Namen nicht wie eine Rivalin.
Eher wie ein schlechtes Gewissen, das sie nicht bestellt hat.
„Das ist nicht deine Schuld“, sagte ich.
Marie lachte kurz, ohne Humor.
„Komisch“, murmelte sie. „Am Ende sagen das immer alle. Und trotzdem ist’s irgendwie… immer auch meine Schuld.“
Ich wollte widersprechen.
Aber da war dieser Teil in mir, der wusste: Sie hatte zu oft erlebt, wie Leute sie still zur Ursache erklären, damit sie selbst keine Verantwortung tragen müssen.
Ein Arzt kam in den Wartebereich.
Er sah auf ein Klemmbrett, dann zu Marie.
„Frau…?“ fragte er.
Marie sprang auf, so schnell, als hätte sie die ganze Zeit nur darauf gewartet, endlich wieder etwas tun zu dürfen.
Ich stand mit auf.
Der Arzt sagte Sätze, die gleichzeitig beruhigen und nicht lügen wollen.
„Stabil“, „wir behalten sie zur Beobachtung“, „es war gut, dass Sie schnell reagiert haben“.
Marie nickte so heftig, als müsste sie das Wort „stabil“ festhalten, bevor es wegrollt.
„Kann ich zu ihr?“ fragte sie.
„Kurz“, sagte der Arzt.
Marie sah mich an.
In ihren Augen war keine Bitte.
Nur diese stille Frage, die wir beide kannten: Bleibst du wirklich?
Ich nickte.
„Natürlich.“
Im Flur war es noch kälter.
Wir liefen an Türen vorbei, hinter denen andere Nächte passierten.
Andere Schicksale, andere Familien, andere Ausreden.
Marie ging wie jemand, der nicht weinen darf, weil Weinen Zeit kostet.
Dann standen wir vor einem Zimmer.
Ihre Mutter lag da, klein unter Decken, die nach Krankenhaus riechen.
Das Gesicht blass, aber da.
Und dieses „da“ war plötzlich alles.
Marie hielt ihre Hand.
Und erst da, als sie die Haut ihrer Mutter spürte, brach ihr Atem.
Nicht laut.
Nur so, dass man es merkt, wenn man sie seit fünfundzwanzig Jahren kennt.
Ich blieb am Fußende stehen.
Wachte, ohne zu stören.
Wie man das tut, wenn man Familie ist, ohne dass es auf Papier steht.
Nach ein paar Minuten drehte sich Maries Mutter leicht.
Die Lider flatterten.
Sie sah zuerst Marie.
Dann mich.
Und obwohl sie schwach war, schaffte sie ein Lächeln.
„Du bist… auch da“, hauchte sie, als wäre ich ein Möbelstück, das schon immer in diesem Raum stand.
„Ja“, sagte ich leise. „Ich bin da.“
Marie wischte sich übers Gesicht und schniefte.
„Mama, du machst mir Angst“, flüsterte sie.
Ihre Mutter hob die Hand ein Stück.
Nicht viel.
Aber genug, um Maries Wange zu berühren, wie früher, als sie ein Kind war.
„Ich weiß“, sagte sie.
Dann atmete sie tiefer ein.
Und sah Marie an, als würde sie etwas begreifen, das Marie selbst in all der Panik vergessen hatte.
„Du… bist nicht allein.“
Marie lachte heiser.
„Ich fühle mich aber allein“, flüsterte sie.
Ihre Mutter sah kurz zu mir.
Dann wieder zu Marie.
Und sagte etwas, das sich in mir festsetzte, weil es so einfach war.
„Du hast… Menschen“, murmelte sie. „Halte sie.“
Marie schluckte.
Ich spürte, wie mein Handy in der Tasche vibrierte.
Ich ignorierte es.
Nicht aus Prinzip.
Sondern weil es Momente gibt, in denen du nicht zwei Welten gleichzeitig tragen kannst.
Als wir wieder im Wartebereich saßen, vibrierte es erneut.
Diesmal zog ich es raus.
Eine Nachricht.
Von Hannah.
„Bist du noch wach?“
Und darunter:
„Es tut mir leid, wie ich gegangen bin.“
Ich starrte auf das Display, als wäre es eine fremde Sprache.
Marie bemerkte es sofort.
Sie sah nicht hin.
Sie wusste auch so.
„Sie?“ fragte sie leise.
Ich nickte.
Marie atmete aus.
Nicht genervt.
Eher müde.
„Ich will nicht der Grund sein, warum—“
„Bist du nicht“, sagte ich sofort.
Zu schnell vielleicht.
Zu hart, weil ich Angst hatte, Marie würde wieder anfangen, sich kleiner zu machen.
Marie legte den Kopf an die Wand.
„Ich will nur, dass du mal jemanden hast, der bleibt“, sagte sie.
Und in diesem Satz war so viel Liebe, dass es wehtat.
Nicht romantisch.
Aber echt.
„Ich hatte jemanden, der bleibt“, sagte ich.
„Du.“
Marie verzog das Gesicht, als hätte ich ihr ein Kompliment gemacht, das sie nicht annehmen darf.
„Ich bin nicht… so“, flüsterte sie. „Nicht wie eine Partnerin.“
„Ich weiß“, sagte ich.
„Und genau deswegen bist du so wichtig. Weil du nichts von mir willst außer, dass ich lebe.“
Marie schwieg.
Dann nickte sie langsam.
Und ich schrieb Hannah zurück.
Nur einen Satz.
„Ich bin im Krankenhaus bei Marie. Es war ernst. Ich melde mich morgen.“
Keine Erklärung.
Keine Rechtfertigung.
Nur Wahrheit.
Am Morgen roch der Himmel draußen nach nassem Asphalt.
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