Ich sollte drei kleine Kätzchen eigentlich nur für eine Nacht aufnehmen. Am nächsten Morgen hatte meine alte Hündin sie adoptiert und mich praktisch aus der Mutterrolle entlassen.
Alles begann mit einem Pappkarton vor meiner Haustür.
Es war kurz nach sechs. Ich stand noch im Bademantel da, eine Tasse Kaffee in der Hand, als ich den Karton sah. Darin lagen ein paar alte Handtücher und drei winzige graue Kätzchen, eng aneinandergekuschelt.
Eines nieste.
Ich sagte laut: „Nein. Auf keinen Fall.“
Das war mein erster Fehler.
Mein zweiter war, Frieda nach draußen zu lassen.
Frieda ist meine zwölfjährige Mischlingshündin. Etwas zu rund, steife Hüften, graue Schnauze und dieser strenge Blick, den manche pensionierte Lehrerinnen haben.
Sie mag keine Veränderungen.
Keine fremden Geräusche. Keine neuen Gegenstände. Nicht einmal meine neuen Hausschuhe fand sie damals akzeptabel.
Als sie den Karton bemerkte, rechnete ich mit einem kurzen Bellen und anschließendem Rückzug.
Stattdessen schnupperte sie vorsichtig an den Kätzchen.
Dann erstarrte sie.
Und sah mich an.
Dieser Blick sagte ungefähr: „Warum liegen meine Kinder in einem Karton?“
„Frieda“, sagte ich. „Nein.“
Sie stieg mit den Vorderpfoten hinein.
Die drei Kleinen krochen sofort unter ihr Kinn.
Damit hatte ich in meinem eigenen Haus nichts mehr zu melden.
Ich nahm die Katzen mit hinein und richtete ihnen im Hauswirtschaftsraum eine kleine Ecke mit Decken, Wasser und einem niedrigen Karton ein.
Sobald später jemand erreichbar war, wollte ich nach einer guten Pflegestelle fragen.
Eine Nacht, dachte ich.
Vielleicht zwei.
Frieda hatte offenbar andere Pläne.
Sie legte sich direkt vor die Tür und beobachtete mich jedes Mal misstrauisch, wenn ich in die Nähe ihrer neuen „Kinder“ kam.
Noch am selben Tag kletterten die Katzen über ihren Rücken, knabberten an ihrem Schwanz und schliefen zwischen ihren Vorderpfoten.
Eine legte sich sogar mit dem ganzen Gesicht unter Friedas Vorderbein.
Frieda seufzte.
Nicht genervt.
Eher wie eine völlig überarbeitete Mutter an der Supermarktkasse.
Ich machte ein Foto und schickte es meiner Familie.
Dazu schrieb ich:
„Frieda hat drei Katzen adoptiert. Ich bin offenbar nur noch für Futter und Reinigung zuständig.“
Am nächsten Morgen wollten alle wissen, wie es weiterging.
Also schickte ich weitere Bilder.
Am zweiten Tag versuchte Frieda tatsächlich, den Katzen das Bellen beizubringen.
Sie saßen vor ihr und starrten sie ernst an.
Frieda machte ein leises „Wuff“.
Das kleinste Kätzchen öffnete das Maul und brachte einen Ton hervor, der eher nach quietschender Tür klang.
Frieda sah trotzdem zufrieden aus.
Am dritten Tag legte sie ihren alten Gummiball mitten zwischen die Katzen.
Die drei stürzten sich darauf, als wäre er eine Beute.
Frieda wich vorsichtshalber einen Schritt zurück.
Am vierten Tag kletterte eines der Kätzchen auf ihren Kopf, während sie schlief.
Frieda wachte auf, schielte nach oben und sah anschließend zu mir.
Ihr Blick sagte deutlich:
„Dieses Kind ist schwierig.“
Ich hatte lange nicht mehr so viel gelacht.
Erst in diesen Tagen merkte ich, wie still mein Haus eigentlich geworden war.
Meine Kinder sind längst erwachsen. Jeder hat sein eigenes Leben. Freunde melden sich, aber eben nicht jeden Tag.
Abends waren meistens nur Frieda und ich hier.
Fernseher an.
Eine Tasse auf dem Tisch.
Alles ordentlich.
Alles ruhig.
Ruhe kann angenehm sein.
Aber manchmal merkt man erst, wenn wieder Leben im Haus ist, dass es vorher vielleicht ein bisschen zu ruhig geworden war.
Mit den drei Katzen war plötzlich alles anders.
Sie kippten einen Wäschekorb um.
Sie schliefen in Friedas Futternapf.
Sie jagten sich unter dem Sofa hindurch und tauchten an völlig anderen Stellen wieder auf.
Und Frieda veränderte sich ebenfalls.
Sie fraß wieder besser.
Sie lief häufiger durchs Haus.
Sie folgte den Kleinen von Zimmer zu Zimmer.
Ihr Schwanz wedelte öfter als in den Monaten zuvor.
Sie war immer noch alt und langsam.
Aber sie hatte wieder etwas zu tun.
Dann kam der Anruf.
Es war ein Platz für alle drei Katzen frei geworden.
„Das ist gut“, sagte ich.
Und ich meinte es auch.
Zumindest fast.
Ich stellte die Transportbox in den Flur.
Frieda sah sie sofort.
Sie bellte nicht.
Sie stellte sich mir auch nicht in den Weg.
Sie ging einfach zur Box, legte sich daneben und drückte ihre graue Schnauze gegen das Gitter.
Die Kätzchen streckten ihre kleinen Pfoten zu ihr heraus.
Ich stand mit meinem Schlüssel in der Hand daneben.
Plötzlich fühlte sich die vernünftige Entscheidung gar nicht mehr so vernünftig an.
„Frieda“, sagte ich leise. „Sie bekommen ein gutes Zuhause.“
Sie sah mich an.
Nicht böse.
Nur traurig.
Diese Hündin hatte nie eigene Welpen gehabt.
Und trotzdem war sie innerhalb von vier Tagen zu einer Mutter geworden.
Ich setzte mich auf den Boden.
Eines der Kätzchen streckte eine Pfote durch das Gitter und berührte Frieda an der Nase.
Frieda schloss die Augen.
Damit war die Sache entschieden.
Ich rief noch einmal an und sagte, dass sich die Situation geändert habe.
Man fragte mich, ob etwas passiert sei.
Ich sah zu Frieda.
Die drei Katzen lagen inzwischen wieder direkt an ihrem Bauch.
„Eigentlich schon“, sagte ich.
„Meine Hündin ist Mutter geworden.“
Also blieben sie.
Seitdem ist mein Haus lauter.
Unordentlicher auch.
Überall liegen kleine Spielsachen, und ständig läuft irgendetwas mit vier winzigen Pfoten dort herum, wo es eigentlich nicht sein sollte.
Frieda sieht noch immer oft so aus, als würde sie das alles schrecklich anstrengend finden.
Aber jeden Abend rollen sich die drei Katzen an ihrem Bauch zusammen.
Dann legt sie ihren Kopf über sie und schläft ein.
Als hätte sie genau auf diese Aufgabe gewartet.
Ich dachte damals, ich hätte drei Kätzchen aufgenommen, um ihnen zu helfen.
Heute glaube ich, dass sie vor allem meiner alten Frieda geholfen haben.
Und vielleicht auch mir.
Familie kommt eben nicht immer so, wie man sie sich vorgestellt hat.
Manchmal steht sie morgens in einem Pappkarton vor der Tür, niest einmal und wird von der grummeligsten Hündin im ganzen Haus adoptiert.
Teil 2 – Friedas drei Katzenkinder veränderten nicht nur ihr Leben, sondern auch meines.
Ich dachte, damit wäre die Geschichte eigentlich zu Ende. Drei Kätzchen blieben, Frieda war glücklich, und ich hatte plötzlich vier Tiere statt einem.
Aber genau da fing der Teil an, mit dem ich überhaupt nicht gerechnet hatte.
In den ersten Tagen nach meiner Entscheidung lief ich noch ständig durch das Haus und fragte mich, ob ich völlig verrückt geworden war.
Drei Katzen.
Zusätzlich zu einer zwölfjährigen Hündin.
Ich hatte nicht einmal drei vernünftige Katzennäpfe.
Also standen zunächst kleine Untertassen auf dem Küchenboden. Daneben Friedas großer Napf, den sie plötzlich mit einer Aufmerksamkeit bewachte, die ich von ihr seit Jahren nicht mehr kannte.
Nicht weil sie ihr Futter verteidigte.
Im Gegenteil.
Sie kontrollierte, ob die Kleinen genug fraßen.
Das wurde besonders deutlich, als das kleinste Kätzchen eines Morgens etwas langsamer war als sonst.
Die anderen beiden stürzten sich wie gewöhnlich auf ihr Frühstück.
Das Kleine blieb auf der Decke sitzen.
Frieda bemerkte es vor mir.
Sie stand neben dem Napf, sah zur Katze, dann zu mir.
Dann wieder zur Katze.
„Ich sehe es“, sagte ich.
Frieda blieb stehen.
„Wirklich. Ich kümmere mich.“
Sie bewegte sich keinen Zentimeter.
Man konnte mit dieser Hündin nicht diskutieren.
Also setzte ich mich auf den Boden und nahm das kleine graue Bündel vorsichtig hoch.
Es war nicht völlig schlapp. Aber deutlich ruhiger als sonst.
Innerhalb einer Stunde hatte ich einen Termin bekommen.
Das bedeutete allerdings ein neues Problem.
Ich musste das Kätzchen mitnehmen.
Ohne Frieda.
Als ich die Transportbox aus dem Schrank holte, stellte sie sich sofort daneben.
„Du bleibst hier.“
Frieda sah mich an.
„Nur kurz.“
Keine Reaktion.
„Frieda.“
Sie setzte sich vor die Haustür.
Ich wusste genau, was dieser Blick bedeutete.
Am Ende saß meine alte Hündin hinten im Auto neben der Transportbox.
Natürlich.
Die Untersuchung ergab zum Glück nichts Dramatisches.
Das Kleine brauchte etwas Unterstützung, Ruhe und genaue Beobachtung.
Ruhe.
Ich musste beinahe lachen.
Ruhe war in unserem Haus inzwischen ungefähr so realistisch wie ein leerer Wäschekorb.
Wieder zu Hause legte ich das Kätzchen in sein Körbchen.
Frieda legte sich sofort daneben.
Die beiden anderen wollten spielen, kletterten auf sie und zogen an ihren Ohren.
Normalerweise hätte Frieda das einfach ausgehalten.
Diesmal hob sie nur den Kopf und schob die beiden mit der Nase ein Stück zur Seite.
Nicht grob.
Aber eindeutig.
Als würde sie sagen:
„Heute nicht. Eure Schwester braucht Ruhe.“
Da merkte ich, dass ich den drei kleinen Wesen langsam Namen geben musste.
Bis dahin hatte ich immer nur „die Kleine“, „der Dicke“ oder „der mit dem weißen Fleck“ gesagt.
Das konnte so nicht weitergehen.
Das kleinste Kätzchen nannte ich Tilda.
Der rundliche Kater wurde Bruno.
Und der dritte, der ständig irgendwo hochkletterte, wo er nichts zu suchen hatte, bekam den Namen Oskar.
Oskar brauchte seinen Namen ungefähr zehn Minuten lang, um ihn zu ignorieren.
Bruno reagierte nur, wenn Futter im Spiel war.
Tilda dagegen hob tatsächlich manchmal den Kopf, wenn ich sie rief.
Frieda interessierten die Namen überhaupt nicht.
Für sie waren alle drei offenbar einfach ihre Kinder.
Tilda ging es nach zwei Tagen wieder deutlich besser.
Am dritten Morgen jagte sie Bruno quer durch den Flur und sprang anschließend auf Friedas Rücken.
Damit war ich beruhigt.
Frieda vermutlich auch.
Sie schlief danach fast vier Stunden.
Das Muttersein hatte seinen Preis.
Die Wochen vergingen.
Und langsam entwickelte sich in unserem Haus eine Ordnung.
Keine normale Ordnung.
Unsere Ordnung.
Morgens stand Frieda zuerst auf.
Früher musste ich sie manchmal zweimal rufen.
Ihre Hüften waren steif, und nach dem Aufstehen brauchte sie ein paar Sekunden, bis alles wieder funktionierte.
Jetzt genügte ein leises Poltern aus dem Wohnzimmer.
Schon hob sie den Kopf.
Wenn eine Katze miaute, stand sie auf.
Manchmal schneller, als ihr guttat.
„Langsam“, sagte ich dann.
Frieda ignorierte mich.
Offenbar durften Mütter keine Rückenschmerzen haben.
Nach dem Frühstück folgten die drei Katzen ihr meistens in den Garten.
Natürlich nur unter meiner Aufsicht.
Frieda ging vorneweg.
Bruno blieb dicht hinter ihr.
Tilda interessierte sich für jedes Blatt.
Und Oskar verschwand regelmäßig hinter einem Blumentopf, obwohl er offensichtlich glaubte, niemand könne ihn dort sehen.
Frieda wusste immer genau, wo er war.
Einmal fehlte er plötzlich.
Ich stand an der Terrassentür und zählte.
Eins.
Zwei.
„Wo ist Oskar?“
Frieda drehte sofort den Kopf zum Geräteschuppen.
Sie ging hinüber und stellte sich vor einen großen Kübel.
Ich schaute dahinter.
Oskar saß dort.
Ganz unschuldig.
„Du bist eine Verräterin“, sagte ich zu Frieda.
Sie wedelte.
Oskar sah beleidigt aus.
Abends war das Ritual immer gleich.
Ich setzte mich auf mein Sofa.
Frieda lag davor auf ihrem alten Kissen.
Die Katzen spielten noch fünf oder zehn Minuten.
Dann wurde es still.
Tilda legte sich meistens direkt an Friedas Bauch.
Bruno schlief gern mit dem Kopf auf ihrer Vorderpfote.
Oskar bevorzugte ihren Rücken.
Warum, weiß kein Mensch.
Frieda konnte dadurch kaum bequem liegen.
Aber sie ließ ihn.
Jeden Abend.
Irgendwann begann meine Familie häufiger vorbeizukommen.
Anfangs angeblich wegen der Katzen.
„Wir wollen nur kurz schauen, wie groß sie geworden sind.“
Natürlich.
Merkwürdigerweise blieben diese kurzen Besuche häufig zwei Stunden.
Meine erwachsene Tochter saß plötzlich wieder auf meinem Küchenboden und ließ Bruno mit einem Stück Schnur spielen.
Mein Sohn brachte ein kleines Katzenbett mit.
„Das war günstig“, sagte er.
„Du hast doch gar keine Katze.“
„Ist ja nicht für mich.“
Drei Tage später brachte er noch eins mit.
Meine Kinder hatten Frieda immer geliebt.
Aber jetzt sahen sie sie anders.
Vielleicht weil wir alle merkten, dass sie alt geworden war.
Nicht von einem Tag auf den anderen.
So funktioniert das ja selten.
Es sind Kleinigkeiten.
Man merkt plötzlich, dass ein Hund nicht mehr aufs Sofa springt.
Dass er an Treppen kurz zögert.
Dass Spaziergänge kleiner werden.
Dass die grauen Haare irgendwann nicht mehr nur um die Schnauze sitzen.
Ich hatte Frieda all die Jahre altern sehen.
Aber irgendwie hatte ich es geschafft, nicht richtig darüber nachzudenken.
Jetzt sah ich sie mit drei jungen Katzen durchs Wohnzimmer laufen.
Und der Unterschied war nicht zu übersehen.
Die Katzen waren schnell.
Frieda war langsam.
Sie sprangen.
Frieda überlegte inzwischen zweimal, bevor sie eine Stufe nahm.
Sie jagten einem Ball hinterher.
Frieda setzte sich manchmal einfach hin und beobachtete sie.
Trotzdem wirkte sie zufriedener als vorher.
Das war das Merkwürdige.
Oder vielleicht das Schöne.
Sie musste nicht jung werden, um wieder Freude zu haben.
Sie brauchte nur einen Grund, morgens aufzustehen.
Eines Nachmittags fand ich sie im Flur.
Frieda lag auf der Seite.
Bruno saß vor ihr.
Zwischen den beiden lag Friedas alter Gummiball.
Bruno tippte ihn mit der Pfote an.
Der Ball rollte zu Frieda.
Frieda schob ihn mit der Nase zurück.
Bruno schlug wieder dagegen.
So ging das minutenlang.
Keiner stand auf.
Keiner rannte.
Sie spielten einfach in Friedas Tempo.
Ich setzte mich auf die unterste Treppenstufe und sah ihnen zu.
Da musste ich plötzlich schlucken.
Nicht vor Traurigkeit.
Jedenfalls nicht nur.
Manchmal sieht man etwas völlig Banales und merkt, dass man es für immer behalten möchte.
Das war so ein Moment.
Natürlich blieb nicht alles friedlich.
Oskar entwickelte eine Leidenschaft für Dinge, die ihm nicht gehörten.
Socken.
Geschirrtücher.
Meine Brille.
Einmal fand ich ihn mit einem meiner Hausschuhe unter dem Esstisch.
Ausgerechnet mit den Hausschuhen, die Frieda früher gehasst hatte.
Sie stand daneben und sah zu.
„Du könntest wenigstens so tun, als würdest du ihn erziehen.“
Frieda gähnte.
Ihre Erziehungsmethoden waren offenbar großzügiger geworden.
Bruno wiederum entdeckte Friedas Futternapf.
Er fraß nicht daraus.
Er schlief darin.
Ich kaufte ihm ein weiches Katzenbett.
Er schlief im Hundenapf.
Ich legte eine schöne Decke in einen Korb.
Er schlief im Hundenapf.
Ich gab auf.
Tilda war anders.
Sie war von Anfang an besonders auf Frieda fixiert.
Wenn Frieda den Raum verließ, folgte Tilda.
Wenn Frieda schlief, lag Tilda neben ihr.
Wenn Frieda trank, saß Tilda daneben und beobachtete das Wasser.
Manchmal putzte sie Friedas graue Schnauze.
Frieda ließ es geschehen.
Dabei sah sie jedes Mal aus, als wäre ihr das alles etwas peinlich.
Dann kam ein Tag, an dem Frieda nicht aufstehen wollte.
Ich merkte es sofort.
Es war früh am Morgen.
Bruno saß bereits vor ihrer Decke.
Oskar lief über den Flur.
Tilda lag dicht an Friedas Hals.
Aber Frieda blieb liegen.
Als ich sie rief, hob sie den Kopf.
Mehr nicht.
Mein Magen zog sich zusammen.
Bei einem jungen Hund denkt man vielleicht zuerst an einen schlechten Tag.
Bei einem zwölfjährigen Hund denkt man sofort an alles.
Ich setzte mich neben sie und strich über ihren Rücken.
„Na, alte Dame?“
Sie leckte einmal über meine Hand.
Wir ließen sie noch am selben Vormittag untersuchen.
Es stellte sich heraus, dass ihre Gelenke ihr deutlich mehr Probleme machten, als ich gedacht hatte.
Nichts, was bedeutete, dass wir uns sofort verabschieden mussten.
Aber genug, um meinen Alltag mit ihr etwas anzupassen.
Als wir nach Hause kamen, warteten die drei Katzen hinter der Wohnzimmertür.
Ich öffnete.
Tilda war zuerst bei Frieda.
Dann Bruno.
Dann Oskar.
Sie beschnupperten sie von allen Seiten, als wäre Frieda drei Wochen verschwunden gewesen und nicht ein paar Stunden.
Frieda legte sich auf ihre Decke.
Die Katzen legten sich dazu.
An diesem Abend spielte niemand.
Das Haus war still.
Aber diesmal war es keine leere Stille.
Es war die Art von Stille, die entsteht, wenn jemand Ruhe braucht und alle anderen das irgendwie verstehen.
Von da an änderte ich ein paar Dinge.
Friedas Kissen kam an einen Platz, den sie ohne Stufen erreichen konnte.
Ich legte einen kleinen Läufer auf den glatten Flur.
Ihre Spaziergänge wurden kürzer.
Dafür machten wir öfter kleine Pausen draußen.
Die Katzen akzeptierten diese neue Geschwindigkeit erstaunlich schnell.
Besonders Tilda.
Wenn Frieda langsam durch den Flur ging, lief sie nicht mehr voraus.
Sie ging neben ihr.
Das klingt vielleicht albern.
Eine kleine Katze, kaum ausgewachsen, neben einer alten Hündin.
Aber ich sah es jeden Tag.
Frieda hatte die drei aufgenommen, als sie winzig und hilflos gewesen waren.
Und jetzt, wo Frieda langsamer wurde, passten sie auf sie auf.
Nicht so, wie Menschen das tun.
Sie konnten ihr kein Kissen zurechtrücken.
Sie konnten keinen Termin vereinbaren.
Sie konnten nicht fragen, ob etwas weh tat.
Aber sie blieben bei ihr.
Und manchmal ist das schon sehr viel.
Monate später waren aus den drei winzigen Fellknäueln richtige Katzen geworden.
Bruno war tatsächlich so rund geblieben, wie ich erwartet hatte.
Oskar konnte immer noch keine fünf Minuten verbringen, ohne irgendeinen Unsinn zu versuchen.
Und Tilda schlief weiterhin jeden Abend bei Frieda.
Die Transportbox, mit der ich sie damals beinahe fortgebracht hätte, stand inzwischen oben auf dem Schrank.
Ich sah sie eines Tages beim Aufräumen.
Und musste an diesen Morgen denken.
An meinen Schlüssel in der Hand.
An Frieda vor dem Gitter.
An die kleine Pfote an ihrer Nase.
Ich hatte damals gedacht, ich würde eine Entscheidung über drei Katzen treffen.
Heute weiß ich, dass es auch eine Entscheidung über Friedas letzte Lebensjahre war.
Und über meine eigenen.
Denn mein Haus blieb nicht nur voller.
Auch mein Leben wurde wieder größer.
Meine Tochter kam sonntags öfter zum Kaffee.
Mein Sohn schaute manchmal nach der Arbeit vorbei und behauptete jedes Mal, er sei „nur in der Gegend gewesen“.
Ich glaubte ihm kein Wort.
Bruno saß schließlich schon an der Haustür, wenn sein Auto vorfuhr.
Sogar Nachbarn, mit denen ich vorher kaum mehr als ein freundliches Hallo gewechselt hatte, blieben manchmal am Gartenzaun stehen.
Nicht wegen mir.
Natürlich nicht.
Wegen Frieda und ihrer seltsamen Katzenfamilie.
„Da ist ja die Katzenmama“, sagte einmal jemand.
Frieda hob den Kopf.
Ich schwöre, sie sah stolz aus.
Ein Jahr nach dem Morgen mit dem Pappkarton machte ich ein neues Foto.
Frieda lag auf ihrer Decke.
Ihre Schnauze war noch grauer geworden.
Tilda lag direkt an ihrem Hals.
Bruno hatte sich halb auf ihre Hinterbeine gelegt.
Und Oskar saß hinter ihr und versuchte, ihren Schwanz zu fangen.
Frieda sah müde aus.
Sehr müde.
Aber glücklich.
Ich schickte das Foto wieder an meine Familie.
Diesmal schrieb ich nur:
„Ein Jahr später. Die Mutter hat immer noch Dienst.“
Meine Tochter antwortete sofort.
„Sie hat sich damals euch ausgesucht.“
Ich wollte zuerst schreiben:
Nein, die Katzen wurden vor meiner Tür ausgesetzt.
Zufall.
Mehr nicht.
Dann löschte ich den Satz wieder.
Vielleicht muss man nicht alles erklären.
Vielleicht darf manches einfach eine Geschichte sein, die gut ausgegangen ist.
Heute sind die drei längst erwachsen.
Und Frieda ist noch langsamer geworden.
Morgens braucht sie etwas länger.
An manchen Tagen schaut sie mich an, bevor sie aufsteht, als müsste sie erst überlegen, ob sich der Aufwand lohnt.
Dann kommt meistens Tilda.
Sie stupst Frieda an die Wange.
Bruno wartet ein paar Schritte weiter.
Oskar rennt sowieso bereits durch das halbe Haus.
Und Frieda steht auf.
Langsam.
Sehr langsam.
Aber sie steht auf.
Dann gehen vier Tiere Richtung Küche.
Drei vorne.
Eine alte Hündin dahinter.
Und ich folge mit den Näpfen.
Offiziell gehöre ich wahrscheinlich immer noch nur zum Personal.
Damit kann ich inzwischen leben.
Vor einiger Zeit fand ich den alten Pappkarton im Keller.
Ich hatte ihn damals einfach zusammengefaltet und zwischen andere Kartons gestellt.
Ich nahm ihn heraus.
An einer Ecke klebten noch ein paar graue Haare.
Ich setzte mich auf die Kellertreppe und musste lächeln.
Wie überzeugt ich damals gewesen war.
„Eine Nacht“, hatte ich gesagt.
Eine einzige Nacht.
Manchmal denke ich, das Leben hört solche Sätze und lacht.
Denn aus einer Nacht wurden Monate.
Aus Monaten wurden Jahre.
Aus drei fremden Kätzchen wurde Familie.
Und aus einer alten, etwas mürrischen Hündin, die Veränderungen nicht ausstehen konnte, wurde die geduldigste Mutter, die ich je erlebt habe.
Frieda hat den Katzen beigebracht, dass man morgens gemeinsam in die Küche geht.
Dass man an der Tür wartet.
Dass ein Gummiball ein wunderbares Spielzeug sein kann.
Ob sie ihnen wirklich das Bellen beigebracht hat, bezweifle ich bis heute.
Oskar macht manchmal ein merkwürdiges Geräusch, wenn jemand klingelt.
Ich bilde mir ein, dass Frieda dann zufrieden schaut.
Die Katzen haben Frieda dafür etwas anderes beigebracht.
Dass Alter nicht bedeutet, dass nichts Neues mehr passieren kann.
Dass man gebraucht werden kann, obwohl man langsamer geworden ist.
Und dass Familie manchmal genau dann auftaucht, wenn man glaubt, der wichtigste Teil des eigenen Lebens läge schon hinter einem.
Mir haben sie das übrigens auch beigebracht.
Mein Haus ist noch immer unordentlicher als früher.
Auf dem Sofa liegen Katzenhaare.
Unter dem Tisch liegt meistens irgendein Spielzeug.
Im Flur steht inzwischen ein Kratzbrett, das ich früher niemals freiwillig in meine Wohnung gestellt hätte.
Und manchmal stehe ich mitten in diesem Durcheinander und denke:
Zum Glück habe ich damals „Nein“ gesagt.
Denn bei mir bedeutet „Nein. Auf keinen Fall.“ offenbar nur, dass ich ungefähr fünf Minuten brauche, um mein Leben komplett umzustellen.
Gestern Abend lag Frieda wieder auf ihrer Decke.
Tilda an ihrem Hals.
Bruno an ihrem Bauch.
Oskar ausnahmsweise ruhig zwischen ihren Vorderpfoten.
Ich setzte mich daneben.
Frieda öffnete kurz die Augen und sah mich an.
Dann legte sie den Kopf wieder hin.
Ich strich ihr über die graue Schnauze.
„Du hast das ganz gut gemacht“, sagte ich.
Ihr Schwanz klopfte einmal gegen die Decke.
Nur einmal.
Aber das reichte.
Denn manchmal besteht ein glückliches Ende nicht darin, dass alles so bleibt, wie es einmal war.
Manchmal bedeutet es nur, dass man die Zeit, die man hat, mit den richtigen Wesen verbringt.
Frieda bekam nie eigene Welpen.
Die drei Katzen bekamen nie ihre ursprüngliche Mutter zurück.
Und ich bekam mein früheres, ordentliches, stilles Haus ebenfalls nicht zurück.
Zum Glück.
Denn stattdessen bekamen wir etwas, das keiner von uns geplant hatte.
Wir bekamen einander.



