Die perfekte Krawatte um acht und die Nachbarin, die mich sah

„Scheiß auf Arbeit“, sagte Tim, und das war so Tim, dass ich zum ersten Mal wirklich lächeln musste, ganz kurz, ganz klein. „Schick mir deine Adresse. Und mach bitte die Tür auf. Ich will nicht im Treppenhaus rumschreien wie ein Idiot.“

Eine Stunde später klingelte es. Ich öffnete, und Tim stand da mit zerzausten Haaren, im Mantel, den er sonst nur bei schlechtem Wetter trug, und in der Hand hielt er eine Papiertüte vom selben Bäcker. Als wäre es ein Code. Als wäre es die Sprache, die wir gerade brauchten.

„Ich wusste nicht, was man in so einer Situation mitbringt“, sagte er und hob die Tüte. „Also… Kohlenhydrate.“

Ich musste lachen, richtig lachen, und das Lachen tat weh, weil es so lange nicht benutzt worden war. Tim trat ein, sah sich um, und seine Augen blieben an der perfekten Ordnung hängen, an den geraden Kanten, den sauberen Oberflächen.

„Du siehst aus, als hättest du einen Ikea-Katalog verschluckt“, murmelte er.

„Es war… einfacher“, sagte ich, und meine Stimme brach fast an diesem Wort. „Wenn alles außen ordentlich ist, kann ich so tun, als wäre innen auch alles ordentlich.“

Tim nickte, als hätte er genau das erwartet. „Und jetzt?“, fragte er.

Ich wollte sagen: Ich weiß es nicht. Ich wollte sagen: Ich kann nicht mehr. Ich wollte sagen: Ich schäme mich. Alles auf einmal.

Stattdessen sagte ich: „Ich hab Angst.“

„Ja“, sagte Tim. „Versteh ich. Aber du bist nicht allein. Und wenn du heute nur schaffst, hier zu sitzen und zu atmen, ist das genug.“

Wir saßen lange, ohne dass es peinlich wurde. Tim redete irgendwann über belanglose Dinge, über einen Film, den wir früher geliebt hatten, über einen Kollegen, der immer zu laut lachte. Und langsam, ganz langsam, schob sich etwas zwischen meine Gedanken, wie ein Keil: Normalität. Nicht die Instagram-Normalität, sondern diese echte, krumme, menschliche.

Am Nachmittag klopfte es an der Tür. Ich zuckte zusammen, und Tim stand sofort auf, als wäre er plötzlich Wachhund. Ich öffnete vorsichtig. Frau Blome stand da, eine Einkaufstasche in der Hand.

„Ich bring dir Suppe“, sagte sie, als wäre das der einzige Grund auf der Welt. „Und ich will wissen, ob du Brötchen geholt hast. Hab ich ja gesehen. Gut.“

Sie sah Tim, und ihre Augen wurden schmal. „Und wer bist du?“

„Tim“, sagte er freundlich. „Ein Freund.“

„Freund“, wiederholte sie, als würde sie das Wort testen. Dann nickte sie einmal, knapp, aber es war wie eine Abnahme. „Gut. Freunde sind praktisch. Stell dich nicht so an, Merlin.“

Ich spürte, wie mir wieder die Tränen kamen, nicht wegen der Suppe, sondern wegen dieses „Stell dich nicht so an“ in ihrer Version. Es war keine Abwertung. Es war ihre Art zu sagen: Du darfst klein sein, aber du darfst nicht allein bleiben.

„Morgen“, sagte Frau Blome und hob den Finger wie eine Lehrerin, „gehst du nicht in diesen Glaspalast da drüben und tust wieder so, als wär alles normal.“

Ich schluckte. „Ich kann nicht einfach…“

„Doch“, sagte sie. „Du kannst. Du bist ein Mensch, kein Roboter. Und wenn irgendwer dort so tut, als wärst du eine Maschine, dann hat der keine Ahnung vom Leben.“

Tim sah mich an. „Willst du, dass ich mitkomme?“, fragte er. „Zum Arzt? Oder zu irgendwem?“

Das Wort „Arzt“ klang plötzlich nicht mehr wie ein Urteil, sondern wie eine Tür. Ich dachte an Frau Blomes Hand auf meinem Arm, an die Wärme der Brötchen, an die Suppe, die sie jetzt in meiner Küche abstellte, als wäre Fürsorge ein handwerklicher Vorgang.

„Ja“, sagte ich, und das „Ja“ war klein, aber es war da.

Die nächsten Tage waren kein Wunderfilm. Es gab keinen plötzlichen Sonnenaufgang in Zeitlupe, keine Musik, die alles heil macht. Es gab Morgen, an denen ich wieder kaum aus dem Bett kam, und Abende, an denen die Dunkelheit zurückkroch wie ein Tier, das man nur kurz verscheucht hat.

Aber da waren auch andere Dinge. Da war Tim, der jeden Tag kurz schrieb: „Atmest du?“ Und ich antwortete irgendwann nicht mehr nur mit einem Daumen, sondern mit einem „Ja. Schwer, aber ja.“ Da war Frau Blome, die jeden Morgen im Flur stand, als wäre sie die inoffizielle Sicherheitskontrolle meines Lebens.

„Brötchen?“, fragte sie.

„Brötchen“, sagte ich.

Und irgendwann, eine Woche später, stand ich wieder beim Bäcker, und die Verkäuferin sagte: „Rosinen heute auch?“

Ich zögerte. Dann nickte ich. „Ja. Und… vielleicht noch ein Stück Streuselkuchen.“

Sie grinste. „Na endlich. Weihnachten ist vorbei, jetzt darf man wieder leben.“

Am Abend, kurz vor Weihnachten, klopfte Frau Blome an meine Tür. In der Hand hielt sie ein kleines Päckchen, unscheinbar, in Zeitungspapier gewickelt.

„Das ist kein Geschenk“, sagte sie, bevor ich etwas sagen konnte. „Das ist nur…“ Sie räusperte sich. „…etwas, das rumlag.“

Ich öffnete es. Drinnen war ein altes Foto, vergilbt: Frau Blome und ein Mann, der Heinz sein musste, jung, lachend, Arm in Arm. Und auf der Rückseite stand in krakeliger Schrift: „Wenn’s dunkel wird, koch Tee. Und bleib.“

Ich schluckte so hart, dass es wehtat. „Warum geben Sie mir das?“, fragte ich.

Sie zuckte mit den Schultern, aber ihre Augen waren weich. „Weil du jetzt auch in diesem Haus wohnst“, sagte sie. „Und weil Heinz ein Sturkopf war. Der hätte nicht gewollt, dass du gehst, ohne dass dir jemand sagt, dass du bleiben darfst.“

Ich hielt das Foto wie etwas Zerbrechliches. In mir war immer noch Lärm, aber zwischen den Geräuschen war jetzt ein neuer Ton: Zugehörigkeit. Nicht groß, nicht kitschig. Nur echt.

An Heiligabend saßen Tim und ich bei Frau Blome in der Küche. Es gab Kartoffelsalat und Würstchen, nichts Besonderes, aber es war das beste Essen, das ich seit Jahren geschmeckt hatte. Frau Blome tat so, als wäre das alles Zufall, als wäre sie zufällig zu viel eingekauft, als wäre es keine geplante Rettungsaktion.

„Du wirst schon wieder“, sagte sie irgendwann, als sie die Teller abräumte. Nicht als Versprechen, eher als Anweisung ans Leben.

Ich sah zur Monstera hinüber, die ich für den Abend mit runtergetragen hatte, weil Frau Blome behauptete, sie müsse „mal sehen, ob das Ding auch wirklich lebt“. Die Blätter glänzten im warmen Küchenlicht, und ich merkte, dass ich nicht mehr nur an mein Ende gedacht hatte, sondern auch an morgen.

„Ich weiß nicht, ob ich schon wieder werde“, sagte ich ehrlich.

Frau Blome stellte die Teller ab, drehte sich zu mir und sah mich an, lange. „Dann wirst du eben nicht wieder, sondern du wirst neu“, sagte sie. „Das reicht.“

In dieser Nacht ging ich nach oben, legte mich ins Bett und stellte den Wecker. Nicht, weil ich musste. Sondern weil es da unten jemanden gab, der am nächsten Morgen die Brötchentüte sehen wollte.

Und irgendwo, ganz tief in mir, flüsterte eine leise Stimme, die nicht mehr nur sagte: Ich versuche es morgen noch einmal. Sie sagte: Vielleicht lohnt es sich.

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