Die perfekte Krawatte um acht und die Nachbarin, die mich sah

Um 07:00 Uhr riss mich der Wecker aus einem Schlaf, der eher ein Wegdriften gewesen war als Erholung. Der Ton klang wie eine Erinnerung daran, dass ich noch da war, ob ich wollte oder nicht. Ich blieb einen Moment liegen und starrte die Decke an, als könnte ich dort eine Anleitung finden, wie man wieder Mensch wird.

Meine Brust war immer noch schwer, als hätte jemand einen nassen Mantel über mein Herz gelegt. Aber in meinem Kopf war ein winziger, klarer Punkt: Frau Blome wartet. Nicht aus Romantik, nicht aus Mitleid, sondern aus dem Frankfurter Grundsatz heraus, dass man sagt, was man meint, und meint, was man sagt.

Ich zog mich an wie ein Automat, nur langsamer. Die Krawatte blieb im Schrank, als wäre sie heute ein Fremdkörper. Als ich die Wohnungstür öffnete, war das Treppenhaus kalt und roch nach Stein, nach Winter und ein bisschen nach dem Leben der anderen.

Vor Frau Blomes Tür atmete ich einmal tief ein, mehr aus Pflicht als aus Mut. Ich klingelte, und sofort hörte ich das Schnarren ihrer Kette, dieses typische „Ich öffne, aber ich vertraue dir nicht blind“. Die Tür ging auf, und da stand sie, geschniegelt wie immer, als hätte sie die Nacht nicht gekannt.

„Na“, sagte sie und musterte mich von oben bis unten. „Du lebst.“

„Guten Morgen“, brachte ich heraus, und meine Stimme kratzte, als hätte ich seit Tagen nicht gesprochen.

„Brötchen“, sagte sie knapp. „Nicht diskutieren. Du gehst jetzt. Ich will die Tüte sehen, sonst glaub ich dir gar nichts.“

Ich nickte, weil Nicken einfacher war als Erklären. Unten auf der Straße war Frankfurt noch nicht wach, nur halb, wie jemand, der sich im Bett aufsetzt und noch nicht weiß, ob er aufstehen soll. Die Luft brannte kalt in meiner Nase, und irgendwo klapperte eine Straßenbahn über Schienen, als würde sie eine Spur in den Tag ritzen.

Der Bäcker an der Ecke hatte schon offen, warmes Licht hinter der Scheibe, das nach Heimat aussah, obwohl ich mir nicht sicher war, ob ich so etwas überhaupt noch kannte. Drinnen roch es nach Hefe, nach Kruste, nach Kaffee. Ich stand an der Theke und merkte, dass mein Körper zitterte, nicht sichtbar, eher innen, wie ein Handy auf lautlos.

„Wie immer?“, fragte die Verkäuferin, ohne hinzusehen, weil man in solchen Läden Kunden erkennt, auch wenn man sie nie wirklich kennt.

„Vier Brötchen“, sagte ich. Dann, nach einem Moment, als hätte ich mir etwas sehr Kühnes vorgenommen: „Und… zwei Rosinenbrötchen.“

Sie sah kurz auf. „Rosinen?“

Ich zuckte mit den Schultern. „Für… eine Nachbarin.“

„Na dann“, sagte sie und lächelte, als wäre das die normalste Sache der Welt. Sie schob die Tüte rüber, und die Wärme der Brötchen drückte sich durch das Papier, als wollte sie mir sagen: Hier. Etwas Echtes. Etwas, das du anfassen kannst.

Als ich zurückging, fiel mir auf, wie viele Menschen morgens schon unterwegs waren, obwohl es erst kurz nach sieben war. Ein Mann mit Hund, eine Frau mit Thermobecher, ein Lieferwagen, der irgendwo hielt. Alle in Bewegung, alle mit irgendeinem Ziel, und ich war zum ersten Mal seit Wochen nicht nur Zuschauer, sondern Teil dieser ganz banalen Parade.

Frau Blome stand im Flur, als hätte sie dort übernachtet, nur um mich abzufangen. Sie nahm mir die Tüte nicht ab, sie wollte sie sehen. Sie riss das Papier ein Stück auf, prüfte den Inhalt wie eine Zollbeamtin.

„Rosinen“, murmelte sie, und etwas wie Zufriedenheit huschte über ihr Gesicht. „Na also. Du bist doch nicht komplett kaputt.“

Ich lachte nicht, aber mein Mund zuckte. Das war mehr, als ich mir gestern zugetraut hätte.

In ihrer Küche stand schon eine zweite Tasse auf dem Tisch. Nicht hübsch, nicht neu, aber sauber, bereit. Der Pfefferminztee dampfte, und die Wanduhr tickte so laut, als würde sie sagen: Zeit. Zeit. Zeit. Und diesmal war das nicht nur Bedrohung, sondern auch Möglichkeit.

„Setz dich“, sagte Frau Blome.

Ich setzte mich.

Sie schob mir ein Rosinenbrötchen hin, als würde sie mir ein Medikament reichen, ohne dass wir es so nennen mussten. „Essen. Langsam.“

„Ich hab keinen Hunger“, sagte ich automatisch, dieses alte Programm, diese Abwehr.

„Du hast Hunger“, erwiderte sie. „Vielleicht nicht im Bauch. Aber irgendwo. Also iss.“

Ich biss hinein, und die Süße traf mich unerwartet. Für einen Moment war da etwas in meinem Mund, das nicht nach Metall schmeckte, nicht nach Angst. Ich schluckte, und ich merkte, wie sich meine Augen füllten, nicht dramatisch, eher wie ein Wasserhahn, der nach Jahren zum ersten Mal wieder tropft.

Frau Blome tat so, als sähe sie es nicht. Sie blickte auf ihre Hände und strich unsichtbare Krümel vom Tisch. „Heute machst du drei Dinge“, sagte sie, als würde sie einen Putzplan erstellen.

„Drei Dinge?“ wiederholte ich, und allein die Zahl fühlte sich anstrengend an.

„Ja“, sagte sie. „Du gehst hoch. Du gießt deine Pflanze. Du duschst. Und dann…“ Sie zögerte kurz, als würde sie das letzte Wort abwägen. „…rufst du jemanden an. Nicht mich. Jemanden aus deinem Leben.“

Mein Magen zog sich zusammen. „Ich hab niemanden—“

„Hör auf“, schnitt sie mir das Wort ab, und ihre Stimme war wieder dieses Hausdrache-Streng. „Du hast Menschen. Du hast nur gelernt, so zu tun, als hättest du keine. Das ist bequem für die Krankheit. Aber nicht für dich.“

Ich starrte in meinen Tee. In meinem Kopf tauchten Gesichter auf wie alte Dias: Kolleginnen, mit denen ich gelacht hatte, bevor ich verlernte zu lachen. Ein Freund aus dem Studium, dessen Nachrichten ich seit Monaten nur mit Daumen-hoch beantwortet hatte. Meine Schwester in Mainz, der ich immer sagte, es sei viel los, ich melde mich später.

„Ich… weiß nicht, was ich sagen soll“, flüsterte ich.

Frau Blome lehnte sich zurück. „Sag die Wahrheit. Oder sag: Ich weiß nicht weiter. Mehr muss es nicht sein. Menschen sind nicht aus Glas. Die halten mehr aus, als du denkst.“

Ich ging zurück in meine Wohnung wie jemand, der eine schwere Kiste trägt, ohne zu wissen, wohin damit. Die Monstera stand am Fenster, als wäre nichts gewesen, als hätte sie meine Gedanken nicht mitbekommen. Ich goss sie, langsam, und das Wasser verschwand in der Erde, als würde es eine kleine Reparatur an der Welt machen.

Unter der Dusche spürte ich das warme Wasser auf meiner Haut, und plötzlich war da dieser brutale Kontrast: Außen Wärme, innen Eis. Ich presste die Stirn gegen die Kachel und atmete, weil Atmen die einzige Aufgabe war, die nicht diskutiert werden musste.

Als ich später mit dem Handy auf dem Sofa saß, fühlte sich jede Nummer in meinem Telefonbuch an wie eine Tür, die man zu lange nicht geöffnet hat. Meine Finger schwebten über dem Namen meiner Schwester. Dann über dem meines Freundes Tim. Ich konnte nicht denken, ich konnte nur handeln, so wie Frau Blome es wollte.

Ich drückte auf „Anrufen“.

Es klingelte. Einmal. Zweimal. Ich wollte schon auflegen, als Tim ranging.

„Merlin?“, sagte er, überrascht und gleichzeitig erleichtert, als hätte er irgendwo in sich gespeichert, dass ich irgendwann wieder auftauche. „Alles okay?“

Und da war sie: die Standardfrage, die Standardlüge, die Standardmaske. Ich hätte sagen können: „Alles gut, danke der Nachfrage.“ Ich hätte es perfekt gekonnt.

Stattdessen hörte ich mich sagen: „Nein.“

Es wurde still. Nicht diese peinliche Stille, sondern eine, die Platz macht.

„Okay“, sagte Tim ruhig. „Wo bist du?“

„Zuhause“, flüsterte ich. „Ich… ich hab gestern…“ Die Worte klemmten fest. „Ich war kurz davor, wegzugehen. Für immer.“

Wieder Stille, aber diesmal hörte ich sein Atmen. „Danke, dass du’s sagst“, meinte er leise. „Ich komm zu dir. Nicht später. Jetzt.“

„Du musst arbeiten“, sagte ich automatisch, weil ich noch immer dachte, die Welt dreht sich nur um Leistung.

Klicke auf die Schaltfläche unten, um den nächsten Teil der Geschichte zu lesen. ⏬⏬

Scroll to Top