Die perfekte Krawatte um acht und die Nachbarin, die mich sah

Um 08:00 Uhr saß meine Krawatte perfekt. Um 08:30 Uhr scherzte ich mit dem Pförtner im Main Tower. Niemand ahnte, dass ich mich innerlich bereits verabschiedet hatte.

Depression ist nicht das, was man in den Filmen sieht. Es ist kein dramatisches Weinen im Regen und kein tagelanges Verkriechen unter der Bettdecke. Zumindest nicht für Menschen wie mich. In Frankfurt, in dieser Stadt, in der Leistung alles ist, ist Depression ein Hochleistungssport.

Ich bin Merlin. 34 Jahre alt. Projektmanager. Mein Leben sieht auf Instagram aus wie ein Hochglanzmagazin. Aber die Wahrheit ist: Ich bin ein Schauspieler, der seine Rolle hasst, aber das Theater nicht verlassen kann.

Depression ist dieser unsichtbare Parasit. Er frisst dich nicht auf einmal. Er nimmt sich jeden Tag ein kleines Stück. Erst die Freude am Morgenkaffee. Dann die Fähigkeit, über einen Witz zu lachen. Und schließlich die Hoffnung, dass es jemals wieder hell werden könnte.

Man funktioniert. Man steht auf, man duscht, man lächelt. Man sagt Sätze wie: „Alles gut, danke der Nachfrage.“ Und während man das sagt, schreit man innerlich so laut, dass die Trommelfelle platzen müssten. Aber draußen? Stille.

An jenem grauen Dienstag im Dezember entschied ich, dass ich müde war. Nicht die Art von Müdigkeit, die mit Schlaf vergeht. Es war eine Erschöpfung der Seele. Ich wollte nicht sterben – ich wollte nur, dass der Lärm in meinem Kopf aufhört. Dass dieser ständige Druck, sein zu müssen, endlich abfällt.

Ich kam früher von der Arbeit. Meine Wohnung im Nordend war makellos. Das ist auch so ein Trugschluss: Viele denken, Depressive leben im Chaos. Bei mir war es das Gegenteil. Ich hatte alles geordnet, Rechnungen bezahlt, Abos gekündigt. Ich wollte niemandem zur Last fallen. Das ist die perverse Logik dieser Krankheit: Du denkst, du tust der Welt einen Gefallen, wenn du verschwindest.

Ich stand in meinem Wohnzimmer und sah sie an: Meine Monstera. Eine riesige Pflanze, die ich seit fünf Jahren pflegte. Sie war das Einzige Lebendige in dieser Wohnung. Ich konnte sie nicht einfach verdursten lassen, wenn ich… weg war.

Ich nahm den schweren Topf und schleppte ihn in das Treppenhaus. Ein Stockwerk tiefer. Zu Frau Blome.

Frau Blome ist eine Institution in unserem Haus. Mitte 70, Witwe, Frankfurter Urgestein. Sie ist die Art von Frau, die sieht, wenn du deinen Müll nicht richtig trennst, noch bevor du die Tonne öffnest. Hart, direkt, aber fair. Wir hatten in drei Jahren vielleicht zehn Sätze gewechselt. Meistens ging es um die Kehrwoche.

Ich klingelte. Mein Herz hämmerte nicht vor Aufregung, sondern vor einer seltsamen Leere. Die Tür öffnete sich. Frau Blome stand da, in ihrer geblümten Kittelschürze, der Geruch von Bohnerwachs und altem Papier wehte mir entgegen. Sie rückte ihre Brille zurecht und musterte mich.

„Merlin? Was ist los? Hat jemand falsch geparkt?“

Ich zwang mich zu meinem bewährten Büro-Lächeln. Nummer 4: Zuversichtlich und unverbindlich. „Guten Abend, Frau Blome. Entschuldigen Sie die Störung. Ich… ich muss verreisen. Geschäftlich. Für eine längere Zeit. Vielleicht komme ich nicht zurück – also, die Firma versetzt mich eventuell.“ Die Lüge glitt mir so leicht über die Lippen wie Wasser. „Ich wollte fragen, ob Sie die Monstera haben wollen. Sie hat viel Licht nötig. Ich weiß, Sie haben einen grünen Daumen.“

Ich streckte ihr den Topf entgegen, bereit, ihn abzustellen und zu gehen. Endlich loszulassen.

Frau Blome nahm den Topf nicht. Sie blieb einfach im Türrahmen stehen. Ihre Augen, die sonst immer kritisch den Flur absuchten, bohrten sich in meine. Es war unangenehm. Deutsche starren nicht, aber sie starrte.

„Eine Geschäftsreise“, wiederholte sie trocken. Ihr Frankfurter Dialekt klang plötzlich gar nicht mehr so hart. „Ja. Nach Asien. Geht morgen früh los.“ Ich wollte weg. Warum nahm sie das verdammte Ding nicht einfach?

„Du lügst“, sagte sie. Nicht wütend. Einfach nur feststellend.

Ich zuckte zusammen. „Wie bitte? Nein, wirklich, ich habe das Flugticket schon…“

„Hör auf“, unterbrach sie mich. Ihre Stimme war leise, aber sie hatte eine Autorität, die mich sofort verstummen ließ. „Du hast denselben Blick wie mein Heinz, kurz bevor er seinen ersten Herzinfarkt hatte. Du stehst hier, gut gekleidet, gut frisiert, und du siehst aus, als würdest du gleich in tausend Teile zerbrechen.“

Der Knoten in meinem Hals, den ich seit Wochen ignorierte, zog sich schlagartig zu.

„Komm rein“, befahl sie. Es war keine Einladung.

„Ich kann nicht, ich muss noch packen…“

„Du kommst jetzt rein, stellst das Grünzeug ab und setzt dich.“ Sie drehte sich um und ließ die Tür offen.

Ich weiß bis heute nicht warum, aber ich folgte ihr. Vielleicht, weil ich es gewohnt war, Befehle zu befolgen. Vielleicht, weil ich insgeheim hoffte, dass mich jemand aufhält.

Ihre Küche war klein, warm und tickte im Rhythmus einer alten Wanduhr. Sie setzte Teewasser auf. Kein hipper Matcha, sondern simpler Pfefferminztee. Wir saßen uns am kleinen Küchentisch gegenüber. Das Neonlicht der Frankfurter Skyline war hier weit weg.

„Weißt du“, begann sie und rührte in ihrer Tasse, ohne mich anzusehen. „Als mein Heinz starb, dachten alle, ich sei die starke Frau Blome. Ich habe die Beerdigung organisiert, ich habe das Hausgeld verwaltet, ich habe sogar den Nachbarn Kuchen gebacken.“

Sie sah auf. Ihre Augen waren feucht. Das hatte ich noch nie bei ihr gesehen. „Aber jeden Abend saß ich hier auf diesem Stuhl und habe gebetet, dass ich am nächsten Morgen einfach nicht mehr aufwache. Ich war so müde, Merlin. Ich wollte nur, dass die Welt aufhört, sich zu drehen.“

Ich starrte in meinen Tee. Meine Hände zitterten. Die Maske bröckelte. Hier, in dieser Küche, die nach Bohnerwachs roch, funktionierte mein Schutzschild nicht.

„Man denkt, man ist eine Last“, fuhr sie fort, als würde sie meine Gedanken lesen. „Man denkt, man verbraucht den Sauerstoff der anderen. Aber das ist die Krankheit, die spricht. Das bist nicht du.“

Sie streckte ihre handgearbeitete, raue Hand über den Tisch und legte sie auf meinen Arm. Der Griff war fest. „Es ist keine Schande, hinzufallen, Junge. Aber es ist verdammt nochmal verboten, liegenzubleiben, wenn man noch Beine hat. Du glaubst, du bist schwach? Schau dich an. Du kämpfst jeden Tag gegen einen unsichtbaren Feind und gehst trotzdem arbeiten. Weißt du, wie viel Kraft das kostet? Du bist stärker, als du dir vorstellen kannst.“

Da brach es aus mir heraus. Keine Träne, die elegant über die Wange rollt. Es war ein hässliches, schmerzhaftes Schluchzen. Ich weinte um die Jahre, die ich mich verstellt hatte. Ich weinte vor Erleichterung. Zum ersten Mal seit Ewigkeiten musste ich nicht „funktionieren“. Ich durfte einfach nur kaputt sein.

Wir saßen dort zwei Stunden. Wir sprachen nicht viel. Aber sie ließ mich nicht gehen, bis ich ihr versprach, am nächsten Morgen wiederzukommen – zum Brötchenholen.

„Die Pflanze nimmst du wieder mit hoch“, sagte sie beim Abschied an der Tür. Ihr Ton war wieder streng, der alte Hausdrache war zurück. „Die passt nicht zu meinen Geranien. Und du hast die Verantwortung dafür. Wenn die Blätter braun werden, kriegst du Ärger mit mir.“

Ich stand wieder im kalten Treppenhaus, den schweren Topf in den Armen. Die Schwere in meiner Brust war nicht weg. Depression verschwindet nicht durch eine Tasse Tee. Aber etwas hatte sich verändert.

Ich war gesehen worden. Und ich hatte überlebt.

Ich ging zurück in meine Wohnung. Ich packte nicht meinen Koffer. Ich stellte die Monstera zurück an ihren Platz am Fenster. Dann tat ich das Mutigste, was ich seit Jahren getan hatte: Ich zog meinen Schlafanzug an, legte mich ins Bett und stellte den Wecker auf 7:00 Uhr.

Nicht, weil alles gut war. Sondern weil ich wusste, dass Frau Blome warten würde, um zu sehen, ob ich Brötchen hole.

An alle da draußen, die lächeln, während sie innerlich schreien: Ihr seid nicht allein. Und ihr seid keine Last. Wahrer Mut brüllt nicht immer wie ein Löwe. Manchmal ist Mut nur die leise Stimme am Ende des Tages, die flüstert: „Ich versuche es morgen noch einmal.“

Haltet durch. Die Welt ist besser mit euch darin.

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