Sie nickte, und wir tranken später Kaffee, als wären wir wieder zwei Mädchen, die heimlich etwas teilen. Und Malte saß dabei, hörte zu, stellte Fragen über seinen Vater, über Dinge, die er nie wissen wollte, weil Wissen ihn früher verpflichtet hätte. Jetzt wirkte es, als wäre Verpflichtung nicht mehr Feind, sondern Rahmen.
In der achten Woche bekam ich nachts Atemnot, nicht dramatisch, aber genug, um das Dunkel plötzlich fremd zu machen. Ich stand am Fenster, sah hinunter auf die Straße, wo ein Taxi vorbeifuhr, und dachte: So also fühlt es sich an, wenn der Körper sagt, dass er nicht mehr verhandelt. Am nächsten Morgen rief ich Malte an, bevor ich es mir wieder anders überlegen konnte.
„Kannst du heute Abend kommen?“ fragte ich.
„Ja“, sagte er sofort. „Ich komme jetzt.“
Als er da war, setzte er sich nicht wie früher in den Sessel, als wäre er Besuch, sondern direkt neben mich aufs Sofa, zu nah für ein erwachsenes Kind, das Distanz gewohnt ist. Ich spürte seine Hand, warm und fest, und ich ließ sie dort, weil man nicht jedes Gefühl mit Würde bekämpfen muss.
„Du musst mir nichts beweisen“, flüsterte er.
„Doch“, sagte ich, und ich meinte nicht ihn. „Ich muss mir beweisen, dass ich nicht wieder allein werde, nur weil ich Angst habe, jemandem zur Last zu fallen.“
Er nickte, und ich sah, wie er gegen etwas in sich ankämpfte, das jahrelang sein Programm gewesen war: weglaufen, organisieren, rationalisieren. Stattdessen blieb er einfach sitzen, bis es draußen hell wurde.
Zwei Tage später saßen wir zu dritt am Tisch, und ich legte einen Briefumschlag in die Mitte, als wäre er ein viertes Gedeck. Nikolas sah ihn an, als würde er ahnen, dass Papier schwerer sein kann als Stein.
„Was ist das?“ fragte er.
„Ein Plan“, sagte ich. „Keine Angst. Nicht für meine Beerdigung. Für eure Zeit danach.“
Malte schüttelte sofort den Kopf, hart, reflexhaft.
„Nein“, sagte er. „Wir reden jetzt nicht darüber.“
„Doch“, sagte ich ruhig. „Das ist der Preis für das, was wir gewonnen haben: Wir tun nicht mehr so, als wäre alles unendlich.“
Ich erklärte ihnen nicht jedes Detail, ich las nicht medizinische Wörter vor, ich machte keinen Vortrag. Ich sagte nur, was wichtig war: Wo die Unterlagen liegen, wem ich was schenken wollte, und dass ich keinen Streit am Grab ertragen würde, weil ich dafür nicht gestorben war, um euch das wieder anzutun. Malte saß da, die Hände gefaltet, und seine Finger kneteten sich gegenseitig, als könnte er Zeit herauspressen.
„Du willst uns also wieder reinlegen“, sagte er schließlich, aber seine Stimme war nicht böse, sondern zitternd.
„Nein“, sagte ich. „Diesmal lege ich nur die Karten hin.“
Nikolas räusperte sich, und ich sah, wie er sich zusammenriss, um nicht kindlich zu wirken.
„Oma“, sagte er. „Darf ich… darf ich den Grabstein-Satz aussuchen? Wenn es so weit ist.“
„Wenn du etwas findest, das nicht kitschig ist“, sagte ich.
„Das wird schwer“, murmelte er. „Du bist die kitschigste Oma Mannheims.“
Ich lachte, und es tat weh, aber es war ein gutes Wehtun, so wie Muskelkater nach einem Spaziergang, den man sich lange nicht zugetraut hat.
Die letzten Wochen wurden leiser, ohne traurig zu sein. Wir gingen nicht mehr so oft raus, weil meine Kräfte schneller versiegten, aber wir holten die Welt zu mir: Erdbeeren, Spargel, kleine Kerzen am Abend, offene Fenster, damit die Stadtgeräusche wie ein ferner Chor in der Wohnung bleiben.
Malte brachte eines Abends eine alte Spieluhr aus einer Kiste mit, die ich längst vergessen hatte, und Nikolas fand im Internet die Melodie, die dazugehörte, und plötzlich war das Wohnzimmer voll von einem Klang, der nach Kindheit roch.
„Weißt du noch, Oma, wie du immer gesagt hast, wir sollen nicht warten?“ fragte Nikolas, als die Spieluhr verstummte.
„Ich hab viel gesagt“, antwortete ich. „Ihr habt nur selten zugehört.“
„Jetzt hör ich“, sagte er.
Am Morgen, an dem ich starb, war das Licht genau so, wie ich es immer geliebt hatte: weich, freundlich, kein dramatisches Grau, sondern ein stilles, helles Versprechen. Malte schlief auf dem Sessel, mit einer Decke, die ich ihm übergeworfen hatte, und Nikolas lag halb auf dem Sofa, die Schuhe noch an, als hätte er den Körper vergessen, weil er zu sehr auf mich aufgepasst hatte. Ich hörte ihren Atem, zwei verschiedene Rhythmen, und ich dachte: So klingt nicht Kontrolle. So klingt Liebe, die gelernt hat, zu bleiben.
„Mama?“ murmelte Malte irgendwann, ohne die Augen zu öffnen.
„Ich bin da“, sagte ich, und das war wahr, auch wenn ich spürte, dass „da“ sich gleich verändern würde.
Ich starb nicht mit großen Worten. Ich starb in einem Zimmer, in dem jemand den Abwasch gemacht hatte, in dem noch Krümel vom Sonntagskuchen auf dem Tisch lagen, in dem auf dem Balkon Basilikum stand, der so tat, als würde er ewig wachsen.
Und als es vorbei war, war da kein Schrei, kein Theater, nur Stille und dann ein Geräusch, das ich nie vergessen hätte, wenn ich noch hätte erinnern können: Malte, der nicht sagte „Was machen wir jetzt?“, sondern nur meinen Namen, immer wieder, als wäre er ein Gebet.
Später, am Hauptfriedhof, standen sie vor meinem Grab, und es regnete nicht. Der Himmel war bedeckt, aber freundlich, als hätte er verstanden, dass Drama nicht nötig ist, wenn die Wahrheit schon schwer genug ist. Malte hatte keine Uhr am Handgelenk, und Nikolas hielt den Umschlag in der Hand, den ich ihnen hinterlassen hatte, als wäre es eine zweite Stimme.
„Sollen wir…?“ fragte Nikolas.
Malte nickte, und Nikolas las, nicht alles, nur den Teil, den ich für diesen Moment geschrieben hatte. Meine Worte waren einfach gewesen, fast streng:
Wartet nicht, bis ihr gezwungen werdet. Setzt euch an einen Tisch, bevor er leer ist. Und wenn ihr irgendwann wieder vergesst, dann feiert mich nicht mit Kränzen, sondern mit einem Sonntag.
Malte lachte einmal kurz auf, dieses brüchige, unpassende Lachen, das nur entsteht, wenn Trauer und Liebe sich im selben Atemzug treffen.
„Sie hat sogar für nachher noch Anweisungen“, sagte er.
„Sie ist halt… effizient“, murmelte Nikolas, und beide weinten, ohne sich dafür zu schämen.
Sie ließen den Satz eingravieren, den Nikolas ausgesucht hatte, und als sie ihn das erste Mal in Stein sahen, legte Malte die Hand auf die kühlen Buchstaben, als wollte er prüfen, ob Worte wirklich halten können.
Dann taten sie etwas, das ich mir heimlich gewünscht hatte: Sie gingen nicht auseinander, um „zu funktionieren“. Sie gingen zusammen an den Rhein, setzten sich in ein kleines Café, bestellten Kaffee und etwas Süßes, und Malte erzählte zum ersten Mal von einem Fehler, den er immer vergraben hatte, und Nikolas hörte zu, ohne Kopfhörer, ohne Flucht.
Am 20. Mai des nächsten Jahres reservierten sie wieder diesen kleinen Saal mit Blick auf den Rhein. Kein großes Fest, keine Pfingstrosen-Inszenierung, nur ein gedeckter Tisch und ein Stuhl am Kopfende, auf dem mein taubenblauer Schal lag.
Sie nannten es nicht Hochzeit, sie nannten es auch nicht Trauerfeier; sie nannten es einfach „Margots Sonntag“, und es kamen Menschen, die sonst nur an Geburtstagen auftauchen: Nachbarn, die Schwester aus Stuttgart, sogar eine alte Freundin, die ich seit Jahren nicht gesehen hatte.
Malte erhob sein Glas, nicht geschniegelt, nicht perfekt, sondern ehrlich.
„Ich dachte früher, Zeit ist etwas, das man managt“, sagte er. „Meine Mutter hat mir beigebracht, dass Zeit etwas ist, das man verschenkt.“
Nikolas sah auf den Schal, dann in die Runde, und seine Stimme war ruhig, fast erwachsen.
„Und wenn man sie verschenkt“, sagte er, „kommt sie manchmal zurück. Nicht als Minuten. Als Menschen.“
Sie aßen, lachten, erzählten Geschichten von mir, die nicht nur rührend waren, sondern auch peinlich, weil das Leben so ist, und als die Sonne langsam hinter dem Rhein versank und das Wasser wieder goldfarben wurde, war da für einen Moment etwas, das sich anfühlte wie ein echtes Ja-Wort. Nicht zu einem Mann, den es nie gab, sondern zu einer Familie, die endlich begriffen hatte, dass Liebe keine Veranstaltung ist.
Und irgendwo, zwischen Kerzenlicht und Stimmengewirr, zwischen alten Fotos und neuen Plänen, war meine Lüge endgültig zu dem geworden, was sie immer sein sollte: eine Brücke. Nicht über den Tod, sondern zurück ins Leben.