Die Hochzeit ohne Bräutigam: Wie meine Lüge uns endlich wieder zusammenbrachte

Drei Wochen nach dem Tag, an dem ich meinen eigenen Bräutigam erfand, klingelte es an einem Dienstag um 18:12 Uhr an meiner Tür in der Oststadt.

Ich hatte den Braten gerade in den Ofen geschoben, der Balkon roch nach Basilikum und Sommerluft, und ich wusste schon vor dem ersten Schritt zur Gegensprechanlage, wer es war: Malte, mit diesem neuen, leicht unsicheren Rhythmus in seinen Besuchen, als müsse er erst lernen, dass man auch ohne Anlass kommen darf.

 Als ich öffnete, stand er da mit einer Papiertüte unterm Arm, die zu schwer aussah für das, was er früher „nur mal kurz vorbeibringen“ nannte.

„Ich hab… ich hab dir was gekocht. Also eigentlich hab ich’s versucht“, sagte er und lächelte, als wäre das Wort „versucht“ ein Geständnis.

„Dann komm rein“, sagte ich. „Wir werden beide so tun, als wärst du ein Meisterkoch.“

Er zog die Schuhe aus, als wäre das plötzlich wichtig, und ich beobachtete, wie seine Schultern langsam absanken, sobald die Wohnungstür hinter ihm ins Schloss fiel.

Früher hatte er sich hier drin wie auf einem fremden Bahnsteig bewegt, immer mit dem Blick Richtung Ausgang; jetzt blieb er kurz stehen, sah zur Garderobe, zu dem alten Spiegel, zu dem Foto von seinem Vater, und atmete einmal tief durch, als würde er zum ersten Mal merken, dass dieser Ort nicht nur Vergangenheit war.

Ich stellte Teller auf den Tisch, und Malte räusperte sich, so wie Männer sich räuspern, wenn sie eigentlich etwas sagen wollen, das ihnen peinlich ist.

„Mama… der Saal… das war teuer, oder?“

„Teuer war nicht der Saal“, sagte ich. „Teuer war, dass ihr zwanzig Jahre lang zu billig wart, um Zeit zu kosten.“

Er verzog das Gesicht, als hätte ich ihm eine Zitrone gegeben, und doch lachte er leise, und dieses Lachen war kein Spott, sondern ein Einverständnis. Wir aßen, und es war nicht perfekt, der Braten war einen Tick zu trocken, seine Soße war zu salzig, aber ich hatte seit Jahren nicht so gerne unperfekt gegessen. Danach räumte er ab, ohne dass ich ihn darum bat, und spülte, als wäre das ein Ritual, das ihn erdet.

„Ich hab heute im Büro zweimal auf die Uhr geguckt und jedes Mal gedacht: Wenn ich jetzt gehe, passiert nichts Schlimmes“, sagte er, während das Wasser lief. „Das ist… komisch. Früher war es, als würde alles zusammenbrechen, wenn ich nicht funktioniere.“

„Und? Ist etwas zusammengebrochen?“ fragte ich.

„Nur mein Stolz“, sagte er und sah mich an, und in seinen Augen lag etwas, das ich lange nicht gesehen hatte: Müdigkeit, ja, aber auch Erleichterung.

Nikolas kam zwei Tage später, am frühen Abend, als die Sonne schon tiefer stand und das Licht in meinem Wohnzimmer wie flüssiger Honig über die Möbel floss. Er brachte sein Laptopgerät, ein Kabelgewirr und diesen vorsichtigen Teenager-Ton, obwohl er längst keiner mehr war, als müsse er erst prüfen, ob Nähe heute erlaubt ist. Ich hatte Erdbeeren gekauft, und er tat so, als wäre das Zufall, aber er aß sie mit einem Lächeln, das nicht mehr nur höflich war.

„Oma, ich hab dir die Musikliste gemacht. Aber bitte… keinen Walzer-Krieg“, sagte er.

„Ich bin eine friedliche Frau“, antwortete ich. „Ich führe nur kleine Schlachten.“

Er lachte, und dann saßen wir auf dem Balkon, und Mannheim klang unten wie ein sommerliches Durcheinander aus Straßenbahn, Kinderstimmen und dem leisen Brummen der Stadt, die immer weiterläuft, egal, was in einer Wohnung passiert.

Nikolas zeigte mir neue Lieder, ich zeigte ihm alte Geschichten, und wir stellten fest, dass beides denselben Kern haben kann: Sehnsucht nach einem Ort, an dem man nicht erklären muss, warum man gerade so fühlt. Irgendwann, mitten in einem Lied, blieb er plötzlich still und starrte auf seine Hände.

„Ich war so blöd, Oma“, sagte er, und seine Stimme wurde kleiner. „Ich hab dich wirklich für ein Möbelstück gehalten.“

„Das ist in Ordnung“, sagte ich. „Hauptsache, du sitzt jetzt nicht mehr drauf.“

Er schnaubte, aber seine Augen wurden feucht, und er wischte es weg, als würde ihn das verraten. Dann legte er sein Handy zur Seite, als wäre es ein Stück Lärm, und sah mich an, direkt, ohne Fluchtweg.

„Ich hab Angst“, sagte er. „Dass es wieder so wird wie vorher. Dass wir das jetzt können… und dann verlieren.“

Ich spürte, wie mir das Wort „verlieren“ durch die Rippen zog, und ich tat das, was alte Frauen tun, wenn sie klug sein müssen, ohne grausam zu werden: Ich sagte nur die Hälfte und ließ die andere Hälfte im Raum stehen.

„Dann üben wir“, sagte ich. „Nicht verlieren ist Übungssache.“

In der vierten Woche nach der Hochzeit ging ich zum Arzt, und ich nahm mir vor, es niemandem zu sagen, weil Geheimnisse für mich immer eine Art Selbstschutz gewesen waren.

Draußen schimmerte der Rhein in der Ferne, als hätte er keine Ahnung von Blutwerten, und die Praxis roch nach Desinfektionsmittel und Geduld, die aufgebraucht ist. Als der Arzt meinen Namen rief, klang es plötzlich, als würde er nicht mich rufen, sondern einen Zeitpunkt.

Ich kam mit einem Umschlag nach Hause, legte ihn auf den Küchentisch und machte ihn nicht auf, bis ich erst die Blumen gegossen und den Balkon gekehrt hatte, als könnte Ordnung das Unausweichliche verwässern. Dann las ich, langsam, Satz für Satz, und merkte, wie mein Körper mir eine Wahrheit zuraunte, die ich schon lange kannte: Das Leben war nicht mehr großzügig mit mir. Es war nicht dramatisch, nicht sofort, aber klar genug, um zu wissen, dass meine drei Monate nicht nur eine schöne Erzählung werden sollten, sondern eine echte Zeit.

Am selben Abend, als Malte wieder klingelte, steckte ich den Umschlag in die Schublade zu den Servietten, als würde ich ihn dort zwischen Stoff und Papier unsichtbar machen. Doch Malte war inzwischen empfindlich geworden für Dinge, die ich früher verstecken konnte. Er setzte sich, sah mich an, und seine Stimme war plötzlich erstaunlich leise.

„Du bist dünner“, sagte er.

„Ich bin 78“, antwortete ich. „Dünnsein ist mein Hobby.“

„Mama“, sagte er, und in diesem einen Wort lag alles, was er früher weggelacht hatte. „Sag mir bitte die Wahrheit.“

Ich hielt seinen Blick aus, und ich hätte lügen können, weil ich es gut konnte, aber ich spürte, dass wir uns mit dieser Hochzeit eine neue Art Vertrag geschenkt hatten. Also nickte ich nur, langsam, und sagte nichts Konkretes, weil ich noch nicht wusste, wie viel Konkretheit ein Herz erträgt, das gerade erst wieder aufgewacht war.

„Ich hab nicht unendlich Zeit“, sagte ich. „Das reicht als Wahrheit für heute.“

Er schluckte. Dann griff er in seine Tasche und holte etwas heraus: keine Uhr, kein Papier, keine organisatorische Lösung, sondern eine kleine, schlichte Tischdecke, hell und unspektakulär.

„Dann mach ich’s offiziell“, sagte er. „Jeden Sonntag hier. Egal was ist. Ich bring das Essen. Oder… ich versuche es.“

Ich sah diese Tischdecke an, als wäre sie ein Heiratsantrag, und vielleicht war sie das auch, nur anders: ein Versprechen an die Zeit zwischen den großen Daten.

„Einverstanden“, sagte ich.

In den Wochen danach wurden die Sonntage zu etwas, das die Luft in meiner Wohnung veränderte. Malte kam mit Einkaufstüten, manchmal mit zu viel, manchmal mit zu wenig, aber immer mit diesem neuen Blick, der nicht nach Kontrolle aussah, sondern nach Anwesenheit.

Nikolas brachte Geschichten aus Heidelberg, Frust über Prüfungen, und einmal brachte er sogar ein Foto aus dem Luisenpark, das er heimlich gemacht hatte: Malte und ich auf einer Bank, ich mit Taubenblau-Schal, Malte mit der Hand auf meiner Schulter, als wäre das die normalste Geste der Welt.

„Ihr seht aus wie… na ja, wie Familie“, sagte Nikolas und schob mir das Bild hin, als wäre es etwas Zerbrechliches.

„Wir sind es ja auch“, sagte ich, und ich merkte, wie absurd es war, dass man das manchmal erst wieder beweisen muss.

Meine Schwester aus Stuttgart kam an einem Sonntag dazu, weil Malte sie angerufen hatte, ohne mich zu fragen, und ich tat erst empört, weil es zur Rolle gehört, und war dann doch dankbar, als sie im Türrahmen stand. Wir stritten über Kleinigkeiten, über Salz, über die richtige Reihenfolge beim Servieren, über alte Sätze, die nie ganz verziehen wurden, und irgendwann, mitten im Streit, brach sie ab und sah mich an, so lange, dass ich fast unruhig wurde.

„Du hast’s geschafft“, sagte sie leise. „Du hast sie hergelockt.“

„Ich hab nicht gelockt“, sagte ich. „Ich hab nur aufgehört, still zu verschwinden.“

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