Mit 78 Jahren verkündete ich meine Hochzeit. Das amüsierte Gelächter am Kaffeetisch erstarb erst, als ich ruhig das genaue Datum nannte.
Es war einer dieser strahlenden, fast unwirklichen Sonntage in Mannheim. Die Sonne flutete durch die hohen Fenster meiner Altbauwohnung in der Oststadt und ließ die Staubkörner in der Luft tanzen.
Draußen war die Stadt lebendig; ich hörte fernes Lachen, Familien, die zum Wasserturm spazierten, und das Klingeln der Straßenbahnen, die durch die Quadrate ratterten. Alle schienen das Leben zu feiern. Nur hier drinnen, am Tisch mit dem feinen Meissner Porzellan, herrschte eine kühle Distanz.
Malte, mein Sohn, saß mir gegenüber und tippte nervös auf seinem Smartphone. Nikolas, mein Enkel, trug Kopfhörer um den Hals und starrte in seinen leeren Kuchenteller, als wäre er das Interessanteste im Raum.
„Du heiratest?“, fragte Malte schließlich, ohne vom Bildschirm aufzusehen. Das Sonnenlicht blendete ihn, er blinzelte genervt. „Mama, der war gut. Ist das ein Witz aus der Apotheken-Umschau?“
„Ich meine es ernst, Malte“, sagte ich und strich die faltenfreie Tischdecke glatt. „Am 20. Mai. Ich möchte nicht allein sterben, und Friedrich ist ein wunderbarer Mann.“
Endlich legte Malte das Handy weg. Nikolas drehte sich um. „Friedrich?“, fragte Malte, und seine Stimme schwankte zwischen Belustigung und echter Besorgnis. „Wer ist Friedrich? Wir haben noch nie von ihm gehört.“
„Er ist sehr diskret“, antwortete ich und nahm einen Schluck Kaffee. „Genau wie ich. Er hört zu. Er hat Zeit. Er ist pünktlich. Eigenschaften, die heutzutage selten geworden sind.“
Es herrschte Stille. Draußen zog ein Flugzeug weiße Streifen in den perfekten blauen Himmel über dem Luisenpark, aber hier drinnen war die Luft plötzlich dick und schwer.
Ich sah in ihre Gesichter. Sie wussten nicht, wie sie reagieren sollten. Ich war seit zwanzig Jahren Witwe. Seit Maltes Vater beerdigt wurde, war ich Stück für Stück unsichtbar geworden – ein Relikt in einer Welt, die sich zu schnell drehte.
Bis jetzt.
In den folgenden Wochen geschah das Wunder, auf das ich gehofft hatte. Die Angst trieb sie zurück in mein Leben. Malte, der sonst nur alle zwei Wochen für eine Pflichtstunde vorbeischaute, stand plötzlich jeden zweiten Abend vor meiner Tür. Er durchwühlte unauffällig meine Post, scannte meine Kontoauszüge der Sparkasse, stellte Fragen. Er hatte Angst vor dem, was man in den Nachrichten hört: Heiratsschwindler, die einsame Damen in den Ruin treiben.
„Mama, ich will diesen Friedrich kennenlernen“, forderte er immer wieder, während er nervös durch mein Wohnzimmer in den Quadraten tigerte. „Er ist schüchtern“, log ich. „Beim Fest werdet ihr ihn sehen.“
Und Nikolas? Malte hatte ihn wohl als Spion abgestellt. Der Junge kam vorbei, angeblich um mir beim Computer zu helfen.
Doch dann geschah etwas Unerwartetes. Als wir zusammen nach Hochzeitsmusik suchten, bröckelte das Eis. „Oma, das kannst du nicht spielen, das ist ja antik“, lachte Nikolas, als ich einen Walzer vorschlug.
„Dann zeig mir, was man heute hört“, forderte ich ihn heraus. Wir saßen auf dem Balkon, aßen Eis und erstellte Playlists auf Spotify. Er zeigte mir Fotos auf seinem Handy, erzählte von der Uni in Heidelberg, von seinen Sorgen. Zum ersten Mal seit Jahren sah er mich nicht als altes Möbelstück, sondern als Verbündete.
Ich kaufte ein Kleid. Es war nicht weiß, sondern ein elegantes Taubenblau. Ich reservierte einen kleinen Saal in einem Restaurant mit Blick auf den Rhein. Ich investierte mein Erspartes in ein Fest, von dem alle dachten, es sei der Beginn eines neuen Lebensabschnitts. Dabei war es mein Abschiedsgeschenk.
Der 20. Mai kam. Mannheim zeigte sich von seiner schönsten Seite. Die Sonne glitzerte auf dem Rhein, die Rheinterrassen waren voll mit glücklichen Menschen. Unser kleiner Saal war festlich geschmückt. Weiße Tischdecken, frische Pfingstrosen, Kerzenlicht, das gegen die Mittagssonne ankämpfte.
Alle waren gekommen. Malte in seinem besten Anzug, nervös auf die Uhr schauend. Nikolas, der ungewohnt schick aussah. Sogar meine Schwester war aus Stuttgart angereist.
Die Zeit verging. 14:00 Uhr. Die Zeremonie sollte beginnen. 14:15 Uhr. Das Raunen begann. Malte stand auf, Schweißperlen auf der Stirn, obwohl die Klimaanlage lief. Er telefonierte leise, aber hektisch. Ich saß auf meinem Stuhl, die Hände im Schoß gefaltet. Das helle Licht von draußen wirkte fast spöttisch.
14:30 Uhr. „Das gibt es doch nicht“, platzte es aus Malte heraus. Er kam zu mir, sein Gesicht rot vor unterdrückter Wut und Mitleid. „Mama, er kommt nicht, oder? Ich habe es dir gesagt! Diese Kerle… hat er Geld gewollt?“ Die Gäste verstummten. Alle Blicke ruhten auf mir. Die „arme, alte Margot“. Versetzt am Altar an diesem wunderschönen Tag.
Ich atmete tief ein. Ich stand auf. Meine Knie zitterten, aber ich zwang mich, gerade zu stehen. Ich ging zu dem kleinen Mikrofon.
„Danke, dass ihr alle gekommen seid“, sagte ich. Meine Stimme war fester, als ich erwartet hatte. „Ihr könnt aufhören, auf die Tür zu starren. Friedrich wird nicht kommen.“ Ein kollektives Seufzen ging durch den Raum.
„Er kommt nicht“, fuhr ich fort, „weil es ihn nicht gibt. Es hat ihn nie gegeben.“
Totenstille. Nur das ferne Tuckern eines Binnenschiffs auf dem Rhein war zu hören. Malte starrte mich an, fassungslos.
„Ich habe euch angelogen“, sagte ich und sah meinen Sohn direkt an. „Und dafür bitte ich um Vergebung. Aber schaut euch um.“ Ich breitete die Arme aus. „Wann haben wir das letzte Mal alle zusammen an einem Tisch gesessen? Ohne auf die Uhr zu schauen? Ohne den Satz: ‚Ich muss aber bald los, morgen ist Montag‘? Es war bei der Beerdigung von Papa. Vor zwanzig Jahren.“
Ich spürte, wie mir Tränen in die Augen stiegen. „In Deutschland planen wir alles perfekt. Wir sind pünktlich, wir sind effizient, wir funktionieren. Aber wir haben vergessen, wie man einfach nur da ist. Ich saß in meiner Wohnung, während draußen die Sonne schien und das Leben tobte, und wartete darauf, dass mein Leben zu Ende geht.“
Ich blickte zu Nikolas. „Ich wollte nicht sterben, um euch alle zu sehen. Ich wollte leben. Und ich habe gelernt: Menschen kommen zu Beerdigungen und zu Hochzeiten. Für alles dazwischen haben sie keine Zeit. Also habe ich uns eine Hochzeit geschenkt.“
Ich setzte mich wieder. Ich war bereit für den Eklat.
Doch er blieb aus. Malte stand da, geblendet vom Gegenlicht des Fensters. Er sah auf seine Uhr – jene teure Armbanduhr, die immer seinen Takt diktierte.
Dann nahm er sie langsam vom Handgelenk und steckte sie in die Tasche. Er ging auf mich zu. Er sah nicht wütend aus. Er sah… aufgewacht aus. Er kniete vor meinem Stuhl nieder, nahm meine beiden Hände in seine. „Du hast recht“, flüsterte er, und seine Stimme brach.
„Verdammt, Mama, du hast so recht.“ Er legte seinen Kopf in meinen Schoß, wie er es getan hatte, als er ein kleiner Junge war, der im Luisenpark hingefallen war. Und der gestandene Mann weinte leise.
Dann spürte ich eine Hand auf meiner Schulter. Nikolas. Er sagte nichts, er drückte nur fest meine Schulter und lächelte traurig.
Das „Hochzeitsessen“ wurde serviert. Niemand ging. Wir aßen Spargel und tranken Riesling, wir lachten über die Absurdität der Situation. Wir erzählten Geschichten von früher, während die Sonne langsam hinter dem Rhein versank und das Wasser in Gold tauchte. Es gab keinen Bräutigam, aber es gab Liebe. Viel davon.
Ich starb drei Monate später, friedlich in meinem Bett. Aber ich starb nicht allein. Seit jenem sonnigen Tag im Mai riss der Kontakt nicht mehr ab. Malte kam nicht mehr zur „Kontrolle“, sondern zum Abendessen.
Auf meinem Grabstein auf dem Hauptfriedhof ließen sie einen Satz eingravieren, den Nikolas ausgesucht hatte:
„Sie brauchte eine Lüge, um uns die Wahrheit zu zeigen: Warte nicht auf einen besonderen Anlass, um jemanden zu lieben.“
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