„Sie haben heute einen guten Tag“, sagt sie, und ich weiß nicht, woran sie das festmacht, aber ich nehme es wie einen Glückspfennig. In meiner Hosentasche ist diesmal kein Ring, weil er am Finger ist, aber er brennt trotzdem, als würde er mich daran erinnern: Du hast etwas vor.
Um fünfzehn Uhr geht die Tür auf, und es kommen nicht nur Schritte, sondern Stimmen, leise, erwartungsvoll, wie in einer Kirche kurz vor dem Lied, ohne dass jemand singt.
Ich sehe ein paar Bewohnerinnen und Bewohner, die ich kenne, und ein paar, die ich nicht zuordnen kann, und dazwischen Frau Krüger mit einem Strauß aus winterharten Blumen, die aussehen, als hätten sie das Überleben gelernt.
Frau Schneider hat eine Girlande aus Papierherzen an die Wand gehängt, nicht kitschig, eher tapfer, als hätte sie gesagt: Wir feiern hier, obwohl die Zeit schwierig ist.
Dann kommt Marta, und diesmal trägt sie keinen Mantel, sondern ein schlichtes dunkelblaues Kleid, und der rote Schal ist wieder da, als wäre er unser Zeichen.
Hinter ihr steht eine Frau mit einer Tasche und einem Gesicht, das mir irgendwie bekannt vorkommt, als hätte ich es in einem Spiegel gesehen, nur jünger. Sie hält einen dicken Ordner in den Händen, und ihre Augen sind rot, als hätte sie schon geweint, bevor sie überhaupt Hallo gesagt hat.
„Papa“, sagt sie, und das Wort trifft mich wie ein warmer Schlag.
Ich schlucke. „Entschuldigung“, sage ich automatisch, „kennen wir uns?“
Sie lacht und weint gleichzeitig, so ungeschickt wie ehrlich. „Ja“, sagt sie. „Ich bin Sabine. Ich bin deine Tochter. Und ich hab etwas dabei, das du geschrieben hast.“
Marta legt ihre Hand auf meinen Rücken, ganz kurz, genau da, wo ein Mensch Halt braucht, ohne dass er es zugeben will.
Sabine setzt sich neben uns, öffnet den Ordner, und darin sind Fotos, viele, und ein Umschlag, vergilbt, mit meiner Handschrift, die ich sofort erkenne, obwohl ich nicht weiß, wann ich sie zuletzt gesehen habe. Auf dem Umschlag steht: „Für den Tag, an dem ich dich wieder umwerben muss.“
Mein Mund wird trocken. „Das habe ich…“, flüstere ich, und der Rest bleibt stecken. Sabine nickt und schiebt mir den Umschlag hin, als wäre er ein Zerbrechliches. „Du hast gesagt, irgendwann brauchst du eine Brücke“, sagt sie. „Und du wolltest, dass sie nicht aus Beton ist, sondern aus Worten.“
Ich öffne den Umschlag, und die Hände zittern, aber niemand lacht, niemand drängt, alle warten, als würde das ganze Zimmer den Atem anhalten. Ich ziehe ein Blatt heraus, und meine Augen fahren über die Zeilen, und während ich lese, passiert etwas Seltsames: Nicht alles kommt zurück, aber genug, um zu wissen, dass ich einmal ein Mann war, der vorausgedacht hat, weil er wusste, was kommen kann. D
a steht, dass ich Marta liebe, dass ich sie lieben werde, auch wenn ich ihren Namen vergesse, dass ich jeden Tag neu Ja sagen will, wenn es sein muss, und dass ich mich nicht schämen soll, weil Liebe nicht im Gedächtnis wohnt, sondern im Tun.
Ich muss das Blatt absetzen, weil die Tränen mir die Wörter verschwimmen. Marta sitzt vor mir, die Hände gefaltet, und ihr Blick ist so ruhig, als hätte sie diesen Brief schon tausendmal gelesen und trotzdem nie gelernt, ihn ohne Schmerz auszuhalten. „Du alter Dickkopf“, murmelt sie, und das klingt nicht böse, das klingt nach Zuhause.
Frau Schneider räuspert sich leise und stellt eine kleine Kerze auf den Tisch, als wäre das der offizielle Beginn. „Heinrich“, sagt sie, und diesmal ist ihre Stimme nicht professionell, sondern menschlich, „wollen Sie… wollen Sie Ihrer Frau etwas sagen?“ Ich sehe Marta an, und für einen Moment ist da kein Nebel, nur Gegenwart, klar wie kalte Luft.
„Marta“, sage ich, und diesmal sitzt der Name nicht nur im Mund, sondern auch im Herzen. „Ich weiß nicht, wie viele Tage ich noch wie ein Mann denken kann, der alles zusammenhält.“ Ich atme ein, und die Luft schmeckt nach Kaffee und Papier und Hoffnung. „Aber ich weiß, dass ich dich heute heiraten will. Und morgen, wenn ich dich wieder neu kennenlerne, will ich es wieder. Nicht, weil ich muss. Sondern weil ich dich will.“
Sie nimmt den zierlichen Ring aus dem Stoffbeutelchen und schiebt ihn sich langsam über den Finger, als wäre es eine kleine, feierliche Arbeit. Dann beugt sie sich vor, so wie gestern, und küsst mich, und diesmal klatscht jemand, und dann klatschen alle, und das Klatschen ist nicht laut, sondern warm, wie eine Decke.
Sabine wischt sich übers Gesicht und lacht, und Frau Krüger sagt: „Endlich!“, als hätte sie darauf gewartet, dass wir vernünftig werden.
Später sitzen wir im kleinen Park draußen, auf einer Bank, und die Wintersonne hängt wie ein blasser Knopf am Himmel. Marta hat ihren Schal um unsere beiden Hände gelegt, als könnte Stoff Zeit zusammenhalten. Ich schaue auf den Ring an meinem Finger und fühle, wie er gegen meine Haut drückt, ein kleiner Beweis, dass etwas wirklich ist.
„Kommst du morgen wieder?“, frage ich, und ich hasse mich kurz dafür, weil es klingt wie ein Kind, das Angst vor der Nacht hat. Marta lächelt, und diesmal ist ihr Lächeln müde, aber unerschütterlich. „Ja“, sagt sie. „Um fünfzehn Uhr. Deutsche Pünktlichkeit, erinnerst du dich?“
Ich nicke, als hätte ich es erfunden, und vielleicht habe ich das sogar irgendwann. „Dann werde ich warten“, sage ich, und in mir ist plötzlich eine Ruhe, die ich lange nicht gespürt habe. Der Nebel wird nicht weggehen, das weiß ich, aber ich habe etwas, das stärker ist als Nebel: einen Zeitpunkt, eine Bank, eine Hand, einen Namen, den ich heute tragen kann.
Marta lehnt den Kopf an meine Schulter, und ich höre ihr Atmen, gleichmäßig, vertraut, wie ein Lied, das man nicht auswendig können muss, um es zu lieben. „Weißt du, Heinrich“, sagt sie leise, „du hast mich nicht verloren.“ Sie drückt meine Hand ein bisschen fester. „Du findest mich nur immer wieder neu.“
Ich lache, und das Lachen ist echt, nicht höflich, nicht tapfer. „Dann habe ich ja Glück“, sage ich, „denn dich zu finden ist das Beste, was mir passieren kann.“ Und während wir da sitzen, im kalten Park mit dem warmen Schal, schmeckt die Gegenwart tatsächlich süß – nicht, weil sie leicht ist, sondern weil wir sie teilen.