Der Ring in meiner Tasche: Zehn Minuten Mut für ein Ja im Nebel

Der Ring sitzt wieder an meinem Finger, ihr Kuss schmeckt nach Apfelkuchen, und trotzdem trifft mich der Nebel plötzlich wie eine kalte Welle, als hätte jemand das Licht in meinem Kopf kurz ausgeknipst.

Ich blinzle, schaue auf die Frau vor mir, und für einen Herzschlag weiß ich nur: Sie ist wichtig. Dann kommt die Angst, leise und gemein: Was, wenn ich in fünf Minuten nicht mehr weiß, warum ich gerade der glücklichste Mann in Deutschland war?

Sie hält meine Hand, als hätte sie genau darauf gewartet, dass ich wanke, und ihre Finger sind warm und fest. In ihren Augen liegt kein Erstaunen, kein Spott, nur diese ruhige, geübte Geduld, die Menschen haben, die schon oft am Rand eines Abgrunds standen und gelernt haben, nicht hineinzuschauen.

Ich atme aus, als könnte ich den Nebel einfach wegpusten, und versuche, mir ihren Namen wie eine Adresse zu merken. „Entschuldigen Sie“, sage ich leise, „ich… manchmal rutscht mir alles weg.“

„Ich weiß“, sagt sie, und ihr Lächeln bleibt, als wäre es ein Möbelstück, das immer am selben Platz steht. „Du musst dich nicht entschuldigen, Heinrich.“ Sie tippt mit dem Zeigefinger an meinen Ring, ganz sanft, als würde sie ein schlafendes Tier streicheln. „Der sitzt richtig. Und ich sitze auch richtig. Schau: Hier.“

Sie zieht aus ihrer Manteltasche ein kleines, abgegriffenes Stoffbeutelchen, öffnet es und legt zwei Ringe auf die Tischdecke, neben die Kuchengabel. Einer ist zierlicher als meiner, aber genauso abgenutzt, als hätte er ein halbes Leben lang Arbeit und Abwasch und Umarmungen gesehen.

An ihrem eigenen Ringfinger ist dieser helle Streifen, ja, und als sie den Ring nimmt, zögert sie kurz, als würde der Finger protestieren. „Manchmal schwellen meine Gelenke“, sagt sie schlicht, „dann lasse ich ihn zuhause. Aber er gehört zu mir. So wie du.“

Frau Schneider steht noch immer in der Tür, als würde sie sich nicht trauen, den Moment zu stören, und trotzdem kann man sehen, dass sie genau das tut: ihn bewachen, wie man eine Kerze vor dem Wind bewacht.

Ihre Augen glänzen, aber ihr Schritt bleibt energisch, als sie näherkommt und sich räuspert. „Soll ich Ihnen noch Kaffee bringen?“, fragt sie, und ihre Stimme tut so, als wäre das alles ganz alltäglich, als würde hier nicht gerade etwas passieren, das größer ist als Bohnerwachs und Uhrenticken.

„Ja“, sagt meine Dame – nein, meine Frau? Meine Verlobte? – und lacht leise, als wüsste sie, dass Worte manchmal nur Schilder sind, die man austauscht, wenn die Straße gleich bleibt.

„Und vielleicht…“, sie sieht Frau Schneider an, „vielleicht könnten wir morgen um fünfzehn Uhr ein paar Stühle mehr hier haben.“ Frau Schneider nickt sofort, als hätte sie auf genau diesen Auftrag gewartet, und ich spüre, wie mein Herz wieder ruhiger schlägt, weil plötzlich ein Plan im Raum steht, etwas Greifbares.

„Morgen?“, frage ich, weil ich das Wort festhalten will, bevor es davonläuft. „Was ist morgen?“ Ich höre mich selbst, wie ich klinge, und mir ist es peinlich, aber sie drückt meine Hand, als wäre Scham ein unnötiger Luxus. Sie beugt sich ein Stück vor, so nah, dass ich ihren Sonntagsduft wieder genau erwische.

„Morgen“, sagt sie, „machen wir es noch einmal. Nicht, weil wir es müssen. Sondern weil wir es dürfen.“

Ich starre sie an, und mein Blick rutscht über ihr Gesicht, als würde ich es fotografieren wollen: die feinen Fältchen, die blauen Augen, den roten Schal, der wie ein kleines, freches Feuer an ihr hängt.

„Und… wie heißen Sie?“, frage ich ganz vorsichtig, als könnte ein falscher Name alles zerbrechen. Mir wird heiß im Nacken, und ich wünsche mir, ich wäre wieder der Mann, der er früher war, der wusste, was er war.

Sie lächelt nicht weniger, sie lächelt mehr, als wäre das die Antwort.

„Ich heiße Marta“, sagt sie.

„Marta“, wiederhole ich, und es fühlt sich an, als würde ich ein Glas auf einen Tisch stellen: vorsichtig, aber sicher.

„Und du hast mich schon viel schlimmer genannt“, ergänzt sie und zwinkert, „zum Beispiel ‘Mäuschen’, wenn du dachtest, niemand hört es.“

Etwas in mir zuckt, eine Erinnerung vielleicht, oder nur ein warmer Schatten davon. Ich sehe uns für einen Moment in einer Küche, irgendwo, mit einem Topf, der überkocht, und ich höre ein Lachen, das genau ihres sein könnte, und plötzlich weiß ich nicht, ob das echt ist oder ob mein Kopf nur tröstende Bilder malt.

Aber es ist egal, denn der Schatten reicht, um mich nicht mehr ganz so allein zu fühlen. Ich streiche mit dem Daumen über ihren Handrücken und merke: Meine Hand kennt ihre Haut, auch wenn mein Kopf sie manchmal verliert.

„War das…“, beginne ich und breche ab, weil ich nicht weiß, wie man nach einem Leben fragt, das einem nicht mehr vollständig gehört. Sie hilft mir, ohne mich zu retten, so wie man einem Kind die Jacke schließt, ohne ihm zu sagen, dass es das nicht kann.

„Damals“, sagt sie, „hast du mir im Regen einen Schirm hingehalten, den du selbst gebraucht hättest, und du hast so getan, als wäre es nichts.“ Sie nimmt einen Schluck Kaffee, als wäre diese Erinnerung so normal wie Zucker. „Und weißt du was? Du machst das immer noch.“

Frau Schneider stellt eine zweite Kanne auf den Tisch, als hätte sie sich extra beeilt, damit das Leben weitergeht und nicht zu feierlich wird. „Ich kenne ja Ihre Geschichte“, sagt sie, und sofort wirkt sie verlegen, als wäre das zu viel gesagt.

Dann richtet sie sich wieder auf, professionell wie eine Soldatin, nur ohne Härte. „Ich werde morgen den Raum ein bisschen hübsch machen. Nur ein bisschen. Und Frau Krüger hat schon… ach, ich sag’s nicht. Überraschung.“

Überraschung ist ein gefährliches Wort für jemanden wie mich, weil Überraschungen im Nebel schnell zu Stolpersteinen werden.

Aber Marta nickt, als wüsste sie genau, wie viel Überraschung ich vertrage, und wie viel nicht. „Nichts Großes“, sagt sie, und ihre Stimme ist ein Geländer. „Nur Menschen, die dich mögen. Und ein Stück Kuchen, das du wieder krümeln darfst.“

Als sie das sagt, spüre ich, wie sich etwas in meiner Brust löst, wie ein Knoten, der zu lange fest war. Ich sehe mich um: der Gemeinschaftsraum, die Uhr, die Tischdecke, die Kanne, der leichte Geruch nach Wachs – alles ist da, alles bleibt, als würde die Welt mir helfen, mich festzuhalten. Und Marta ist auch da, als wäre sie der wichtigste Gegenstand in diesem Raum, der einzige, der wirklich zählt.

Am nächsten Tag sitze ich wieder hier, geschniegelt wie gestern, die Krawatte ein kleines bisschen schief, obwohl ich sie bestimmt tausendmal zurechtgezogen habe. Frau Schneider hat mir dabei geholfen, und sie hat dabei so getan, als wäre das Anziehen eine Art Ritual, das man nicht eilig macht.

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