Der Ring in meiner Tasche: Zehn Minuten Mut für ein Ja im Nebel

In meiner rechten Hosentasche brennt ein goldener Ring wie Feuer, und ich habe genau zehn Minuten, bevor mein Mut oder mein Gedächtnis mich verlassen.

Ich sitze im Gemeinschaftsraum des Stiftes am Park. Hier drinnen riecht es nach Bohnenkaffee und Bohnerwachs. Ich richte meine Krawatte.

 Frau Schneider, die Pflegerin mit dem energischen Schritt und dem freundlichen Gesicht, hat mir geholfen, den dunklen Anzug anzuziehen. Sie sagte, ich sähe aus wie ein Diplomat a.D. Ich weiß nicht, was ich früher war. Manchmal glaube ich, ich war Ingenieur, weil ich gerade Linien mag. Aber heute bin ich nur ein Mann, der wartet.

Auf sie.

Sie kommt jeden Tag um Punkt fünfzehn Uhr. Deutsche Pünktlichkeit, das gefällt mir. Ich kenne ihren Namen nicht mehr genau – war es Elisabeth? Elfriede? In meinem Kopf nenne ich sie „meine Dame“.

Sie ist die schönste Frau, die ich je gesehen habe, auch wenn das Leben feine Netze um ihre Augen gewoben hat. Sie trägt immer diesen Duft, der mich an Sonntage und frische Wäsche erinnert.

Warum besucht eine so elegante Frau einen alten Kauz wie mich? Ich bin achtzig, meine Hände zittern, wenn ich die Tasse hebe, und manchmal vergesse ich mitten im Satz, worüber ich spreche.

Aber sie hört zu. Sie bringt immer Apfelstreuselkuchen vom Bäcker an der Ecke mit, und sie schimpft nie, wenn ich krümle.

Heute ist es anders. Heute habe ich einen Plan.

Heute Morgen fand ich den Ring auf meinem Nachttisch. Ein schlichter, abgenutzter Goldreif. Er muss mir gehören. Oder vielleicht habe ich ihn für sie gekauft? Ich weiß es nicht.

Aber als ich ihn sah, wusste ich plötzlich, was zu tun ist. Ich darf diese Frau nicht gehen lassen. In meinem Alter ist Zeit kein Fluss mehr, sondern eine Pfütze, die langsam verdunstet. Man muss handeln.

Die Tür öffnet sich. Da ist sie.

Sie trägt einen beigen Mantel und einen roten Schal. Mein Herz macht einen Sprung, so heftig, dass ich Angst habe, der Monitor auf der Station könnte Alarm schlagen. Sie lächelt, als sie mich sieht. Dieses Lächeln ist wie ein Anker, wenn mein Geist im Nebel treibt.

„Guten Tag, Heinrich“, sagt sie sanft und setzt sich mir gegenüber.

„Guten Tag, gnädige Frau“, antworte ich. Ich versuche, galant zu sein.

Sie packt den Kuchen aus. Wir essen schweigend. Es ist ein vertrautes Schweigen, nicht leer, sondern gefüllt mit einer Ruhe, die ich nicht erklären kann. Ich beobachte ihre Hände. Sie sind gepflegt, aber man sieht ihnen Arbeit an.

An ihrem Ringfinger sehe ich einen hellen Streifen, aber keinen Ring. Vielleicht ist sie Witwe? Der Gedanke versetzt mir einen Stich, aber er gibt mir auch Hoffnung.

Wenn nicht jetzt, wann dann?

Ich schiebe meinen Teller beiseite. Meine Hand wandert in die Tasche. Das Metall ist warm. Ich atme tief ein, so wie man es tut, bevor man ins kalte Wasser springt.

„Darf ich… darf ich Ihnen etwas sagen?“, beginne ich. Meine Stimme klingt brüchig.

Sie legt die Kuchengabel weg und sieht mich an. Ihre Augen sind blau, so unendlich tiefblau. „Natürlich, Heinrich.“

Ich hole den Ring hervor und lege ihn auf die weiße Tischdecke zwischen uns. Er glänzt matt im Licht der Deckenlampe.

„Ich weiß, ich bin kein guter Fang mehr“, sage ich, und ich spüre, wie mir die Tränen in die Augen steigen. Warum bin ich so emotional? „Ich vergesse Dinge. Ich weiß nicht, wer Bundeskanzler ist. Ich weiß oft nicht einmal, ob es Morgen oder Abend ist. Aber ich weiß eines ganz sicher.“

Ich wage es, ihre Hand zu nehmen. Sie fühlt sich so vertraut an, als würde meine Hand sie auswendig kennen.

„Ich weiß, dass ich nicht möchte, dass Sie morgen wieder gehen, ohne zu wissen, was ich fühle. Ich fühle mich ganz, wenn Sie hier sind. Ich möchte… ich möchte Sie fragen, ob Sie mir die Ehre erweisen würden, an meiner Seite zu bleiben. Für immer. Oder zumindest für die Zeit, die uns noch bleibt.“

Es ist totenstill im Raum. Selbst das Ticken der Wanduhr scheint den Atem anzuhalten. Ich habe Angst. Habe ich sie beleidigt? Hält sie mich für einen verrückten Alten?

Ich sehe, wie ihre Lippen beben. Eine einzelne Träne rollt ihre Wange hinunter, gefolgt von einer zweiten. Sie greift nach dem Ring. Ihre Finger zittern genauso wie meine.

„Oh, Heinrich“, flüstert sie.

Sie nimmt den Ring, aber sie steckt ihn nicht an ihren Finger. Sie greift nach meiner linken Hand. Und da sehe ich es – der helle Streifen an meinem Finger, wo der Ring fehlt. Ich habe ihn wohl heute Morgen beim Waschen abgelegt und vergessen. Es ist mein eigener Ring.

Aber sie lacht nicht. Sie korrigiert mich nicht. Sie schaut mich an mit einer Liebe, die so wuchtig ist, dass sie mich fast umwirft.

„Ja“, sagt sie fest. „Ich werde dich heiraten. Wieder und wieder.“

Sie schiebt mir den Ring an den Finger, dann beugt sie sich über den Tisch und küsst mich. Ein Kuss, der nach Apfelkuchen und fünfzig Jahren Treue schmeckt, auch wenn ich das in diesem Moment nicht weiß. Ich weiß nur, dass ich der glücklichste Mann in Deutschland bin. Ich habe sie erobert.

Aus dem Augenwinkel sehe ich Frau Schneider an der Tür stehen. Sie wischt sich hastig über die Augen und wendet sich ab.

Ich drücke die Hand meiner Verlobten. „Habe ich dir schon gesagt, dass du wunderschön bist?“

„Jeden Tag, Heinrich“, lächelt sie unter Tränen. „Seit zweiundfünfzig Jahren, jeden Tag.“

Das verstehe ich nicht ganz, aber es klingt gut. Ich lehne mich zurück. Der Nebel in meinem Kopf lichtet sich nicht, aber er macht mir keine Angst mehr. Solange sie da ist, brauche ich keine Erinnerung. Ich habe die Gegenwart. Und die schmeckt süß.

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