Zwei Tage nach dem Heizungsventil stand mein Handy wieder auf dem Schreibtisch wie ein stiller Zeuge. Und ich ertappte mich dabei, dass ich es öfter ansah als meine Pläne auf dem Bildschirm. Als hätte dieses kleine Display plötzlich die Macht, mein Leben anzuhalten.
Es war Donnerstag, kurz vor der Mittagspause. Draußen hing München noch immer unter dieser bleigrauen Decke, die einem das Gefühl gibt, man müsste sich durchs Leben schieben wie durch nassen Schnee. Im Büro roch es nach Druckerpapier und zu starkem Kaffee, und ich war gerade dabei, einem Bauherrn zu erklären, warum „schnell“ und „sauber“ selten in einem Satz zusammenpassen.
Dann vibrierte das Handy.
„Papa“ stand da.
Mein Puls machte denselben Sprung wie am Dienstag. Nur diesmal war da neben der Angst etwas anderes. Eine Art leiser Bereitschaft. Als hätte mein Körper verstanden: Das ist jetzt ein neues Kapitel. Eine neue Art von Dringlichkeit.
Ich ging aus dem Besprechungsraum, stellte mich in den Flur, wo es nach nassen Jacken roch, und nahm ab. „Papa?“
Diesmal keine lange Pause. Seine Stimme kam sofort, aber leiser als sonst. „Michael. Du… ich wollt nur sagen: Das Ventil ist trocken. Kein Tropfen mehr.“
Ich merkte, wie ich lächeln musste, obwohl mir fast die Tränen kamen. „Sehr gut. Dann haben wir ja sauber gearbeitet.“
Er räusperte sich. „Ja. Gutes Team.“ Wieder dieses Wort, als wäre es eine Hand, die er mir hinreicht, ohne zuzugeben, dass er sie braucht. „Und… äh… wenn du heute Abend Zeit hast… könntest du vielleicht…“
Er brach ab, als hätte er sich verschluckt.
„Was ist?“ fragte ich und versuchte, meine Stimme ruhig zu halten.
„Der Rauchmelder im Flur piepst. Ich hab die Leiter geholt, aber… na ja.“ Er sagte das „na ja“ so, wie Männer seiner Generation „Ich hab Angst“ sagen.
Ich schloss die Augen für einen Moment. Nicht, weil ich genervt war. Sondern weil ich plötzlich dieses Bild vor mir hatte: mein Vater auf einer wackeligen Leiter, im Halbdunkel, der Kopf im Nacken, die Hände zittrig, und darunter dieser harte bayerische Stolz, der ihm verbietet zu sagen: „Ich trau mich nicht.“
„Ich komme nach der Arbeit vorbei,“ sagte ich. „Und Papa… keine Leiter, okay?“
Er atmete hörbar aus. „Ja. Okay.“
Den Rest des Tages arbeitete ich wie auf Autopilot. Ich zeichnete, telefonierte, nickte, lächelte an den richtigen Stellen. Aber innerlich war ich schon auf der Fahrt nach Trudering. Und jedes Mal, wenn jemand im Büro über „die Alten“ schimpfte, weil sie wieder zu langsam an der Kasse waren oder sich nicht mit dem Automaten auskannten, spürte ich etwas in mir hart werden.
Wir tun so, als wäre Altern etwas, das andere betrifft. Etwas, das irgendwo in Pflegeheimen passiert, hinter Türen, an denen man schnell vorbeigeht. Aber es passiert in Küchen, die nach kaltem Kaffee riechen. In Kellern mit Werkzeugwänden. In Fluren, wo ein Rauchmelder piepst.
Als ich am Abend in die Einfahrt fuhr, war es schon dunkel. Die Weihnachtsbeleuchtung der Nachbarn blinkte zu fröhlich für diese Jahreszeit, und irgendwo kläffte ein Hund in der Kälte. Das Haus meiner Eltern stand da wie immer, aber mein Blick suchte automatisch nach den kleinen Rissen in der Fassade der Normalität.
Die Mülltonne stand diesmal wirklich schief.
Mein Vater öffnete, bevor ich klingeln konnte. Der graue Strickpullover wieder, die gleiche Haltung wie am Dienstag: ein bisschen entschuldigend, ein bisschen trotzig. „Servus,“ sagte er.
„Servus, Papa.“ Ich zog die Jacke aus und hörte sofort dieses nervige, regelmäßige Piepsen aus dem Flur. Es klang nicht laut. Aber es war penetrant. Wie ein kleiner Alarm in der Seele.
„Der da,“ sagte er und zeigte nach oben, als wäre der Rauchmelder ein frecher Vogel, der sich auf einen Balken gesetzt hat.
„Okay,“ sagte ich. „Wo ist die Leiter?“
„Im Keller,“ murmelte er.
„Bleibt im Keller.“ Ich sah ihn an. „Ich hol sie. Und du bleibst hier unten.“
Er wollte protestieren, ich sah es ihm an. Dieses alte Reflexprogramm: Ich bin der Mann im Haus. Ich steige. Ich mache. Ich kann. Aber dann senkte er den Blick. „Ja,“ sagte er nur. Und das „Ja“ tat mir weh, weil es so viel mehr bedeutete.
Im Keller roch es wie immer nach Öl und Eisen. Die Werkzeuge hingen noch ordentlich, aber ich bemerkte etwas Neues: Ein paar Stellen an der Wand waren leer, als hätte er in den letzten Monaten Dinge abgehängt, weil er sie nicht mehr benutzte. Oder weil er sie nicht mehr benutzen konnte.
Ich trug die Leiter hoch, stellte sie im Flur auf. Mein Vater stand in der Küchentür und beobachtete mich. Nicht kontrollierend. Eher so, als würde er etwas lernen wollen, ohne zu wissen, was.
Ich stieg hoch, drehte den Rauchmelder auf, nahm die Batterie raus. Natürlich eine 9-Volt, natürlich kurz vor dem Ende, natürlich piepst das Ding immer dann, wenn man gerade zur Ruhe kommen will. Eine Kleinigkeit. Fünf Minuten. Effizient. Problem gelöst.
Aber als ich wieder unten stand und den Rauchmelder in der Hand hielt, sah ich meinen Vater. Und ich sah, wie er die Hände ineinander verschränkte, als müsste er sie verstecken. Dieses Zittern war nicht weg. Es war da. Und es war nicht nur in den Fingern. Es war in seinem ganzen Bild von sich selbst.
„Hast du noch Batterien?“ fragte ich.
„In der Schublade,“ sagte er und ging vor. Er öffnete die Küchenschublade, in der früher alles militärisch sortiert war. Schrauben, Nägel, Ersatzteile. Jetzt war es… chaotischer. Nicht schlimm. Aber anders. Er wühlte, fand eine Packung, drückte sie mir in die Hand, als wäre sie ein Beweis: Ich hab vorgesorgt. Ich bin nicht hilflos.
„Gut,“ sagte ich. „Dann machen wir das zusammen.“
Er sah mich an. „Was? Das ist doch…“
„Papa,“ sagte ich und lächelte. „Gutes Team.“
Er wollte nichts sagen, aber seine Mundwinkel zuckten. Vielleicht war das bei ihm schon ein Lächeln.
Klicke auf die Schaltfläche unten, um den nächsten Teil der Geschichte zu lesen. ⏬⏬