Als die Tür wieder aufging, merkte ich: Die alte Schuld stand noch im Flur.
Am nächsten Morgen wachte ich in meiner WG auf, als hätte mir jemand über Nacht ein anderes Gewicht in die Brust gelegt. Nicht dieses schwere, klebrige Gefühl von „Ich hab Mist gebaut“, sondern etwas Ruhigeres: „Ich darf bleiben, aber ich muss stehen.“ Die Lasagne von gestern lag mir noch im Magen wie ein Versprechen, das man nicht wieder zerreißen darf.
Ich schrieb Ingrid eine Nachricht, nur drei Sätze. „Danke für gestern. Ich bin gut heimgekommen. Ich ruf dich am Sonntag an.“ Früher hätte ich mehr geschrieben oder gar nichts, je nachdem, wie dramatisch ich mich gerade fühlte.
Ihre Antwort kam schnell: „Gut. Sonntag passt. Und Jonas: Iss was Warmes heute.“ Kein Herzchen, kein Klammern. Nur Muttersein ohne Rettungsseil.
Am Abend im Lager roch es nach Pappe, Schweiß und diesem kalten Neonlicht, das jede Ausrede hässlich macht. Ich lief zwischen Paletten, kontrollierte Listen, hörte das gleichmäßige Klacken der Scanner. Und trotzdem war mein Kopf in ihrer Küche, bei ihrem Blick, der mich zum ersten Mal nicht als Problem, sondern als Mensch gesehen hatte.
In der Pause saß ich auf einer umgedrehten Kiste und spürte dieses alte Ziehen: „Ruf sie an. Erzähl ihr alles. Lass dich wieder weich fallen.“ Es war wie ein Körperreflex, als würde irgendwo tief in mir ein Knopf gedrückt.
Ich nahm das Handy in die Hand, legte es wieder weg, nahm es wieder. Dann schrieb ich nur: „Alles okay. Bin müde. Bis Sonntag.“ Und plötzlich merkte ich: Das war nicht Kälte. Das war Selbstschutz.
Der Sonntag kam schneller, als mir lieb war. Ich ging nicht sofort rüber, obwohl „ein paar Straßen weiter“ plötzlich so nah klang wie früher der Keller. Ich machte Kaffee, räumte meine Küche auf, als würde Ordnung eine Art Rüstung sein, und erst dann wählte ich.
„Hallo?“ Ihre Stimme klang vorsichtig hell, als würde sie nicht wissen, ob sie sich freuen darf.
„Hallo, Mama“, sagte ich, und mein Hals wurde eng. „Wie geht’s dir?“
„Ich…“ Sie atmete hörbar aus. „Ich hab’s gehasst, dass ich mich gefreut habe.“
Ich schluckte. „Ich auch.“
Es wurde still, aber nicht unangenehm. Es war die Stille von zwei Leuten, die nicht mehr lügen wollen, aber auch nicht wissen, wie man neu anfängt, ohne gleich alles kaputt zu umarmen.
„Willst du… nächste Woche mal vorbei kommen?“, fragte sie schließlich. „Nur Kaffee. Eine Stunde.“
Früher hätte ich „Ja“ gesagt und wäre geblieben, bis es wieder mein Zuhause gewesen wäre. Ich hörte mich selbst antworten, ohne zu zittern: „Ja. Eine Stunde. Und dann muss ich schlafen, ich hab Nachtschicht.“
Am Dienstag danach ging mein Kombi nicht an. Es war nichts Dramatisches, kein Film-Moment, nur ein Klick und ein Schweigen, das sich nach alten Zeiten anhörte. Mein erster Gedanke war nicht „Werkstatt“, sondern „Mama“.
Ich stand auf dem Parkplatz, Atemwolken in der kalten Luft, und spürte, wie schnell ein Mensch zurück in ein altes Muster rutscht. Nicht, weil er dumm ist, sondern weil er gelernt hat: Da gibt es jemanden, der den Schmerz abnimmt, bevor er überhaupt weh tun darf.
Ich öffnete meine Kontakte, Ingrids Name leuchtete auf wie eine warme Decke. Dann drückte ich nicht auf Anrufen, sondern auf Schließen. Ich lehnte mich gegen die Motorhaube und sagte leise: „Ich hör auf zu warten. Auch nicht auf Rettung.“
Ich organisierte mir eine Starthilfe über einen Kollegen, den ich sonst nur vom Nicken kannte. Er kam, fluchte kurz über „alte Kisten“, lachte, als der Motor ansprang, und klopfte mir auf die Schulter, als wäre das das Normalste der Welt.
„Danke“, sagte ich, und es war ein anderes Danke als früher. Nicht dieses „Danke, dass du mich trägst“, sondern „Danke, dass du mich für einen Moment stützt, während ich selbst stehe.“
Am Freitag saß ich bei Ingrid am Küchentisch, und ich hatte einen Timer im Kopf: eine Stunde. Sie stellte Kaffee hin, Schnittchen, als müsste man das Neue mit etwas Altem beruhigen. Ihre Hände zitterten ein bisschen, als sie die Tassen abstellte.
„Du siehst müde aus“, sagte sie.
„Nachtschicht“, antwortete ich. Und dann, weil ich ehrlich sein wollte: „Und weil’s gerade… viel in mir macht.“
Sie nickte, als hätte sie genau darauf gewartet. „Bei mir auch.“
Ich sah den Flur, den ich früher runtergerannt war, beleidigt, laut, voll von mir selbst. Jetzt sah er kleiner aus, fast banal. Und ich wusste: Wenn ich heute zu lange bleibe, wird aus Kaffee wieder Keller. Nicht räumlich. Innerlich.
„Mama“, sagte ich, „ich will, dass wir uns sehen. Ich will auch, dass es nicht wieder… so wird.“
Sie presste die Lippen aufeinander, und ich sah die Mutter in ihr kämpfen. Diese Stimme, die schreit: „Nimm ihn zurück, dann ist er sicher.“ Und die andere, die leiser ist, aber wahrer: „Wenn er sicher sein soll, muss er lernen, sich selbst zu tragen.“
„Ich auch“, sagte sie schließlich. „Sag mir, wie.“
Ich zeigte auf den Küchentimer, den sie früher beim Kochen benutzt hatte. „Eine Stunde“, sagte ich. „Und wenn es uns gut tut, machen wir nächstes Mal wieder eine Stunde.“
Sie lachte, kurz und brüchig, aber echt. „Du bist wirklich Schichtleiter geworden. Sogar bei mir.“
Die Wochen wurden nicht magisch einfach. Es gab Abende, da saß ich in meinem WG-Zimmer, hörte den Nachbarn lachen, und in mir wurde es plötzlich leer wie ein ungeheizter Raum. Früher wäre ich ins Netz geflüchtet, in laute Spiele, in Leute, die mich nicht kannten und deshalb auch nicht enttäuschen konnten.
Jetzt saß ich da und fühlte es aus. Das war neu. Und es tat weh, wie Muskelkater an Stellen, die man jahrelang nicht benutzt hat.
Im Lager kam ein Neuer, Kevin, Anfang zwanzig, große Klappe, müde Augen. Er war oft zu spät, roch manchmal nach Energy und Nacht, und er redete von „Projekten“, die bald „durch die Decke“ gehen würden. Ich hörte mich selbst von früher, und es war, als würde jemand ein altes Video abspielen, nur dass ich diesmal nicht der Held darin war.
Mein erster Impuls war, ihn abzubügeln. „Reiß dich zusammen.“ Aber dann sah ich ihn, wie er in der Pause allein stand, Handy in der Hand, Blick auf den Boden, als würde er auf eine Nachricht warten, die nicht kommt.
„Alles okay?“, fragte ich.
Er zuckte mit den Schultern. „Ja. Nur Stress. Zuhause.“
Ich nickte. Ich kannte dieses Wort. „Zuhause“ konnte ein Ort sein. Oder ein Netz.
„Hör zu“, sagte ich, „ich bin nicht dein Vater und nicht dein Therapeut. Aber ich sag dir was als jemand, der lange gebraucht hat: Wenn du hier sein willst, sei hier. Wenn du weg willst, geh. Aber mach’s nicht halb und hoff, dass irgendwer dich dafür bezahlt.“
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